Der Ort auch für Menschen aus der Ukraine

Menschen, die Krieg oder Schlimmes auf der Flucht erlebt haben, erhalten im Ambulatorium des Schweizerischen Roten Kreuzes in Wabern bei Bern psychotherapeutische Hilfe. Im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer SRK, kurz Ambulatorium SRK, werden in Zukunft wohl auch traumatisierte Personen aus der Ukraine behandelt werden. Carelink hat mit Silvan Holzer gesprochen. Er ist Fachbereichsleiter Traumafolgestörungen Kinder und Jugendliche.

Herr Holzer, woher stammen die Menschen, die zu Ihnen kommen?

Silvan Holzer: Wir behandeln Menschen unabhängig ihrer Herkunft, ihrer Ethnie oder ihres Aufenthaltsstatus. Es sind Kinder, unbegleitete Minderjährige, Erwachsene und Familien, die aufgrund traumatischer Ereignisse im Herkunftsland, während der Flucht oder durch Stress nach ihrer Migration psychisch erkranken.

Wir arbeiten in einem interprofessionellen Team. Es besteht aus medizinisch und psychologisch geschulten Fachleuten sowie aus Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern. Im vergangenen Jahr haben wir 214 Menschen eine traumafokussierte Therapie- und Sozialberatung angeboten. Sie stammten mehrheitlich aus Syrien, Afghanistan, dem Iran, dem Irak, der Türkei, Sri Lanka und ostafrikanischen Ländern wie Eritrea und Somalia. Diese Zusammensetzung könnte sich dieses Jahr mit Blick auf den Krieg in der Ukraine verschieben.

Wie verständigen Sie sich?

Silvan Holzer: Es ist wichtig, dass die Menschen ihre Gefühle, Sorgen und Ängste in der Muttersprache ausdrücken können. Deshalb finden zwei von drei Terminen mit einer interkulturell dolmetschenden Person im Trialog statt. Ohne sie könnten wir einen Grossteil unserer Arbeit nicht leisten. Ich erlebe ihre Unterstützung als starke fachliche und persönliche Bereicherung. Dank ihnen können wir den verständlicherweise vorsichtigen, zurückhaltenden und auch misstrauischen Menschen helfen, Vertrauen zu fassen und eine Zukunftsperspektive zu entwickeln.

Führen Krieg und Flucht immer zu einem Trauma?

Silvan Holzer: Faktoren wie die Vorbelastung, eigene Ressourcen zum Verarbeiten, aber auch die Ressourcen des Umfelds entscheiden mit, ob jemand nach einem traumatischen Ereignis eine Traumafolgestörung entwickelt. Ein Kausalzusammenhang zwischen Krieg, Flucht und Trauma besteht nicht, aber je mehr traumatische Ereignisse eine Person erlebt, umso eher entwickelt sie eine Traumafolgestörung. Besonders verletzlich sind Kinder, da sie in Entwicklung begriffen und in existenzieller Weise von ihren Bezugspersonen abhängig sind. Die Folgen einer frühkindlichen Traumatisierung können unbehandelt ein Leben lang belasten.

Von welchen Krankheiten sprechen wir?

Silvan Holzer: Wir unterscheiden zwischen klassischer posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) und komplexer posttraumatischer Belastungsstörung (kPTBS). Die klassische PTBS ist deutlich besser erforscht, weshalb wir über verschiedene evidenzbasierte therapeutische Verfahren verfügen. So kann ein Monotrauma, also eine einmalige, überwältigende Erfahrung, relativ gut behandelt werden, und es geht oft mit einer günstigen Heilungsprognose einher.

Unsere Patientinnen und Patienten im Ambulatorium SRK erfüllen dagegen häufig die Kriterien einer komplexen PTBS: Sie leiden nicht nur unter den Symptomen der PTBS, sondern auch unter Schwierigkeiten im Umgang mit belastenden oder unangenehmen Gefühlen wie beispielsweise Ärger oder Trauer, einem negativen Selbstbild und Problemen in der Beziehungsgestaltung. Eine komplexe PTBS birgt unbehandelt ein hohes Risiko einer Chronifizierung und beeinträchtigt sämtliche Lebensbereiche.

Können Sie ein Beispiel geben, wie sich eine komplexe PTBS im Alltag äussert?

Silvan Holzer: Kinder und Jugendliche mit einer komplexen PTBS haben z.B. signifikant häufiger Lernschwierigkeiten. Lernfortschritte sind nur verlangsamt oder kaum möglich, und Lerninhalte werden weniger gut abgespeichert. Auch die Interaktion mit Lehrpersonen und der Kontakt zu Peers sind beeinträchtigt. Ein neunjähriges Mädchen aus Syrien hat mir erklärt, es sei besser, keine neuen Freundschaften zu schliessen, weil diese sowieso abbrechen oder diese Menschen verloren gehen würden. Solches Leid kann mit der Ankunft in der Schweiz nicht zwangsläufig enden.

Welche zusätzliche Unterstützung kann nebst der Therapie auch noch hilfreich sein?

Silvan Holzer: Die Menschen brauchen einen sicheren, geschützten Ort und, neben dieser Möglichkeit, sich zurückzuziehen und ungestört zu sein, soziale Partizipation mit einer sinnhaften Tagesstruktur und möglichst viel Normalität. Kinder brauchen schulische Angebote und in die Wochenstruktur integrierte, regelmässige Freizeitangebote. Auch freie Spiel- und Spasszeit, um unbeschwert zu sein, ist wichtig. Jugendliche brauchen Unterstützung, um eine realistische Zukunftsperspektive zu entwickeln. Das ist zentral in diesem Alter.

Das alles geht nicht ohne verlässliche Bezugspersonen. Unsere Sozialberatung ist ein Baustein in der psychischen Stabilisierung unserer Patientinnen und Patienten – zusammen mit wissensvermittelnden, körpertherapeutischen und allenfalls pharmakologischen Bausteinen.

Wie beziehen Sie Angehörige in die Therapie mit ein?

Silvan Holzer: Die primären Bezugspersonen haben die oftmals schier unglaubliche Flucht geschafft, weil ihnen die Hoffnung auf eine friedliche und gute Zukunft für ihre Kinder die nötige Kraft gegeben hat. Sie können sich sicher vorstellen, dass diese Eltern nun nicht selten zweifeln an ihren getroffenen Entscheidungen oder mit Schuld- und Schamgefühlen ringen. Natürlich sind sie selber auch von den Ereignissen betroffen und können darunter leiden. Sie sind es zugleich aber auch, die die Lebensgeschichte und die Persönlichkeit ihrer Kinder am besten kennen und uns von den Veränderungen berichten können. Deshalb beziehen wir die Eltern von Beginn an aktiv in die Behandlung der Kinder ein. Wir sind gegenüber primären Bezugspersonen und Erziehungsberechtigten in allen Kooperationen, ihren Fragen und unseren Empfehlungen transparent. Wir möchten die Eltern, wenn immer möglich stärken, damit sie für ihre «kleinen Seefahrer», wie die Psychotraumatologin und Autorin Tita Kern sie liebevoll bezeichnet, verlässlich wegweisende Leuchttürme sein oder wieder werden können.

Lesen Sie weiter, vor allem wenn Sie Menschen aus der Ukraine bei sich aufnehmen werden oder bereits aufgenommen haben. Silvan Holzer gibt Ihnen einige Verhaltensregeln mit auf den Weg: Ukraine: Damit das Verarbeiten gelingt.

Ratgeber für Flüchtlingshelfer und Gastfamilien

Wie kann ich Geflüchteten helfen?

Damit Menschen ihre möglicherweise traumatischen Erlebnisse verarbeiten können, sollten sie sich sicher und aufgehoben fühlen. Sie können ihnen dabei helfen.

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Ukraine – Wie umgehen mit dem Schrecken

Psychologen geben Ratschläge zur Stressbewältigung im
Zusammenhang mit dem Konflikt.

Die Bilder und Berichte, die uns aus der Ukraine erreichen, sind für alle schwer zu ertragen. Wie man aus der Ferne diese Eindrücke bewältigen kann, beschreibt die American Psychological Association in ihrem Beitrag «How to handle the trauma of war from afar». Der Artikel zeigt auf, wie die konkrete Unterstützung von Flüchtenden, aber auch die Selbstfürsorge und kontrollierte Mediennutzung wichtig sind in dieser ausserordentlichen Zeit. Wir haben den Artikel für Sie übersetzt.

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«Das Glas sollte stets halbvoll sein.»
Prof. Dr. Ulrike Ehlert zu «Stress und Resilienz».

Ein Phänomen unter Schweizer Bergführern? Mehr als 80 Prozent haben Belastendes erlebt, aber nur rund 2 Prozent leiden darunter. Prof. Dr. Ulrike Ehlert von der Universität Zürich kann die Zahlen wissenschaftlich belegen. Woher rührt das? An der Carelink-Fachtagung hat sie Antworten gegeben.

Das berühmte, zur Hälfte gefüllte Glas: Für sie ist es auf jeden Fall halb voll. Nicht halb leer. Für sie ist auch klar, warum mehr Männer übergewichtig sind als Frauen, diese aber eher zu Depressionen neigen: Männer sind, kurz und allgemein ausgedrückt, die besseren Geniesser. Das hat Prof. Dr. Ulrike Ehlert – sie leitet das Psychologische Institut der Universität Zürich – aus Zahlen des Bundesamts für Statistik herausgelesen.

Sinn für Kohärenz

Woher kommt die Fähigkeit, optimistisch und positiv zu bleiben, auch wenn das Leben einmal garstig ist? Ulrike Ehlert spricht von «Kohärenz» –gerade auch mit Blick auf die untersuchten Schweizer Bergführer, die trotz Stresssituationen gesund bleiben: Menschen mit einem hohen Kohärenzgefühl betrachten Schwieriges oder gar Traumatisches als Herausforderung, suchen darin einen Sinn, oder eben die Kohärenz, und aktivieren Bewältigungsmechanismen.

Auch die Fähigkeit, Gefühle zu erkennen, die einen in schwierigen Situationen überkommen, scheint ein Schutzfaktor zu sein: Gemäss einer Studie unter Feuerwehrleuten haben diejenigen weniger unter Belastungen gelitten, die anschliessend darüber gesprochen haben. Das Bild vom starken Mann, der alles mit sich selbst ausmacht, ist also definitiv falsch.

Gefühlsregulation und Optimismus

Wenn es darum geht, einer Belastung entgegenzuhalten, spielt ein weiterer Faktor mit: die hedonistische Emotionsregulation. Ulrike Ehlert bezeichnet damit die Fähigkeit, negative Stimmung abzuklemmen bzw. eine positive Grundeinstellung beizubehalten. Wer unter Stress einen normalen Blutdruck oder eben ruhig Blut bewahrt, gibt sich Raum zur Gefühlsregulation und somit auch zu langfristig besserer psychischer Gesundheit.

Verhilft Optimismus letztlich gar zu einem längeren Leben? Auf die Überlebenszeit von rund 2500 krebskranken Menschen, so eine Studie aus den Niederlanden, hatte der Optimismus auf jeden Fall Einfluss.

… und dazu Resilienz

Der Australier Bill Hatfield hat mit 81 Jahren die Welt allein und nonstop umsegelt – gegen den Wind. Der Georgier Lewan Berdsenschwili hat die Jahre im sowjetischen Straflager als die besten seines Lebens bezeichnet: «So viele grossartige Persönlichkeiten auf einem Haufen sieht man selten.»

Was eint Menschen wie Bill Hatfield und Lewan Berdsenschwili? Woraus ziehen sie ihre psychische Widerstandskraft, ihre Resilienz? Ulrike Ehlert macht sieben Fähigkeiten aus: die Selbstwirksamkeit, die aus Selbstvertrauen wächst, und die Selbstkontrolle, die negative Gefühle in Schach hält, dann aber auch die Fähigkeit, Unterstützung zu geben und anzunehmen, schliesslich aus Schwierigkeiten und Fehlern zu lernen, an Problemen zu arbeiten, für sich selbst Mitgefühl zu zeigen und gelassen zu bleiben.

«Selbst wenn wir Belastungen bis hin zu einem Trauma erleben, können wir uns schützen», so Ulrike Ehlert. Dazu sei es wichtig, Gefühle zu erkennen, und hedonistische Emotionsregulation reduziere Stress. Optimismus, soziale Unterstützung und die eigene Resilienz sind die weiteren Pfeiler, um psychisch gesund zu bleiben.

Vorfälle sollten nicht bagatellisiert werden.
Johanna Gerngroß über psychologisches Krisenmanagement.

Eine Ausflucht gibt es nicht: Stösst einer oder mehreren Personen in einem Unternehmen Schweres zu, kommt psychologisches Krisenmanagement ins Spiel. Dr. Johanna Gerngroß* hat an der Carelink-Fachtagung aufgezeigt, was es braucht, damit einem Unternehmen die Krisenintervention gelingt.

Sie hat sachliche Gründe: Eine Bankangestellte kann den Wunsch eines Kunden beim besten Willen nicht erfüllen. Der Kunde wird wütend und beginnt zu drohen: «Ich weiss, wo deine Tochter zur Schule geht!» Die Frau meldet den Vorfall, doch von der Bank erhält sie keine psychologische Hilfe. Nach kurzer Zeit kann sie nicht mehr arbeiten und meldet sich krank.

Personen, die bedrohliche Situationen durchgemacht haben, erleben eine grosse Diskrepanz zu den eigenen Möglichkeiten, diese zu bewältigen: So definiert die Fachwelt ein Psychotrauma, und Johanna Gerngroß zitiert Betroffene: Sie seien wie gelähmt, beschreiben diese oft ihren Zustand. Weitere Symptome sind das Gefühl von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe. Johanna Gerngroß: «Das kann sowohl das Selbst- als auch das Weltverständnis dauerhaft erschüttern.»

Hier setzt das psychologische Krisenmanagement ein, und zwar auf individueller Ebene wie auf Ebene der Organisation. Je nach Ereignis müssen auch Führungskräfte psychologisch unterstützt werden.

Anerkennen statt abwehren

Gut, wenn sich eine traumatisierte Person relativ schnell gegenüber vertrauten Menschen öffnen kann. Auch die Fähigkeit, sich eigenständig Unterstützung zu holen, ist essenziell. Ebenso hilft ein Umfeld, das eine Verarbeitung zulässt und die individuelle Bewältigung fördert.

«Ob und wie Vorgesetzte, aber auch Kolleginnen und Kollegen nach dem Ereignis auf die betreffende Person zugehen, ist deshalb wichtig», so Johanna Gerngroß. «Anzuerkennen, was die betreffende Person erlebt hat, kann bereits heilsam sein.»

Stattdessen, sagt sie, beobachte sie nicht selten Abwehrreaktionen: «Der Vorfall wird bagatellisiert, das Opfer beschuldigt, oder es wird ihm Verletzlichkeit oder gar Überforderung nachgesagt.» Dabei wäre es doch das übergeordnete Ziel, dass sich die traumatisierte Person möglichst schnell und dauerhaft erholt, damit sie zur Arbeit zurückkehren kann.

Klare Kommunikation ist wichtig

Auf individueller Ebene plädiert Johanna Gerngroß für aufsuchende Betreuung und Beratung: Notfallpsychologische Interventionen unterstützen und fördern den Erholungsprozess, psychosoziale Begleitung hilft bei der Rückkehr in den Arbeitsprozess.

Auf Ebene der Organisation sieht Johanna Gerngroß die Aufgaben im Entlasten und Stabilisieren der betroffenen Person oder Personengruppe. Auch indirekt involvierte Personen können sich durch einen Vorfall beeinträchtigt fühlen. Johanna Gerngroß weist überdies auf das Coaching von Führungskräften hin – und auf das Eindämmen von Gerüchten und Schuldzuweisungen durch eine klare interne und externe Kommunikation.

Stichwort Führungspersonen: Während diese allenfalls selber unter Schock stehen, also selber betroffen sind, sollten sie sich, scheinbar stark, hinstellen und meist noch unter Zeitdruck Entscheidungen treffen. Hier kann externe Unterstützung zwar nicht Wunder wirken, aber den Weg weisen und Entlastung bringen.

 

* Dr. Johanna Gerngroß ist Universitätslektorin an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien und an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Sie hat das Krisenmanagement der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) geleitet und ist Geschäftsführerin des «Commitment Institut», das unter anderem Krisenmanagement und psychologisches Coaching anbietet. Zudem erbringt Johanna Gerngroß den fachlichen Hintergrunddienst der Einsatzkräfte-Nachsorge im Landes-Feuerwehrverband Tirol.

Dem Trauma ein Gesicht geben.
Mathias Braschler und Monika Fischer haben Attentatsopfer porträtiert.

Utøya, Bataclan Paris, Breitscheidplatz Berlin: Die Namen haben sich eingeprägt. Doch wer denkt an die Überlebenden jener Attentate? Das fotografierende Paar Mathias Braschler und Monika Fischer hat einige porträtiert. Ihr Bericht und ihre Bilder haben an der Carelink-Fachtagung tief berührt.

Mathias Braschler hat früher als Reportagefotograf gearbeitet: hin zum Ort des Geschehens, Kamera hochhalten, Auslöser drücken. «Das war einfach nicht mein erster Instinkt», gibt er im persönlichen Gespräch sehr direkt zu. Deshalb hat er zur Porträtfotografie gewechselt. Sie erlaubt Tiefe, Auseinandersetzung, Empathie.

«Wir sind an Menschen interessiert»

Er und Monika Fischer kennen sich seit nunmehr 30 Jahren, und seit 18 Jahren arbeiten sie auch zusammen. «Wir sind an Menschen interessiert, an den Themen, die sie aktuell bewegen», sagt Mathias Braschler. «Doch an die Menschen heranzukommen, ist gar nicht so einfach», fügt Monika Fischer an. «Unsere Recherchemethoden und unsere Strategien ändern sich immer wieder und können sich über Monate erstrecken.»

Im Gespräch versuchen die beiden, ihre Interviewpersonen zu deren Emotionen zu führen. Dann erst, auf der Basis des Vertrauens und der Offenheit, beginnen sie zu fotografieren und zu filmen. Die Bilder und Videos erhalten dadurch eine Dimension, die sich dem beschreibbaren Rationalen entzieht.

Vom Leben nach dem Überleben

«Wir wählen immer die schweren Themen», so Monika Fischer. Ihre Porträts von Menschen, die Anschläge überlebt haben, sind im englischen «Guardian», im deutschen «Stern» und im Magazin des «Tages-Anzeigers» erschienen. An der Carelink-Fachtagung haben sie von diesen «Survivors» berichtet, von deren Leben nach dem Überleben. Sie haben von der Frau erzählt, die sich 2011 schwimmend von der Insel Utøya rettete und so den Schüssen des Attentäters Anders Bering Breivik entkam. Die Frau hat seither zwei Kinder geboren. Sie habe, zitiert sie Monika Fischer, noch im Kreisssaal das Bild von Breivik vor Augen gesehen – wie zum Trotz.

Ein Mann und eine Frau, die 2015 den Anschlag auf das Konzertlokal Bataclan in Paris überlebt haben, sind sich in der Reha-Klinik nähergekommen, wo sie sich von ihren Schusswunden erholten. Sie sind heute ein Paar, das sich auf einer zusätzlichen Ebene versteht, da beide den gleichen Terror erlebt haben.

Der Terrorist hat nicht gewonnen

«Der Attentäter hat mich und die Dinge, die ich liebe, nicht zerstört», sagt der Mann, der 2016 auf dem Breitscheidplatz in Berlin seinen Freund Peter verloren hat. Gerade noch hatte er mit Peter bei einem Glühwein gelacht, als der islamistische Attentäter den Sattelschlepper in die Menge steuerte. Im Video-Interview, das Mathias Braschler und Monika Fischer gedreht haben, erzählt er vom Trauma, an dem er gelitten habe, von der Trauer um seinen Freund Peter, der direkt neben ihm gestanden hatte, von der anschliessenden Depression, die ihn heimgesucht habe, und schliesslich vom Schuldgefühl des Überlebenden, das ihn geplagt habe. Irgendwann aber, berichtet er im Video, kam die Zeit für einen lebensbejahenden Entscheid: «Ich versuche, laut zu lachen, wie es Peter getan hat.»

Die Frau, die dem Attentat auf der Insel Utøya entkommen ist, das Paar, das sich nach dem Anschlag auf das «Bataclan» gefunden hat, der Mann, der sich nach dem gewaltsamen Tod seines Freundes auf dem Berliner Weihnachtsmarkt zu neuem Mut aufgerafft hat: Sie haben Namen. Mathias Braschler und Monika Fischer kennen sie alle auswendig. Zu etlichen der Porträtierten halten sie weiterhin Kontakt – und sie zu ihnen. «Sie haben hohe Resilienz bewiesen», so Monika Fischers einfaches wie starkes Fazit.

Anrufen! Und sei es mitten in der Nacht.

Mitarbeitende des Roten Kreuzes haben eine Nummer zur Hand.

Wird allmählich Standard: Unternehmen und Organisationen kümmern sich aktiv um die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden. Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) geht beispielhaft voran. Wer für das SRK im Ausland arbeitet und Belastendes erlebt, kann anrufen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Die Bilder und Begegnungen, denen Mitarbeitende in ihrer Tätigkeit im Ausland ausgesetzt sind, können belasten. Das wissen das SRK und im Speziellen Kurt Buntschu, der das SRK-Personalwesen leitet. Das SRK hat daher mit Carelink eine Vereinbarung getroffen. Sie enthält, quasi als Herzstück, eine 0848er Nummer, die aus dem Ausland problemlos erreicht werden kann. Kurt Buntschu: «Wer im Rahmen seiner oder ihrer Arbeit Belastendes gesehen oder erlebt hat, das allenfalls psychisch zusetzt, kann die Nummer wählen und sich durch Carelink professionell unterstützen und begleiten lassen. Wir betrachten das als wichtigen Dienst an unseren Mitarbeitenden, damit sie Traumata möglichst vermeiden und ihre Gesundheit wahren können.» Der Service umfasst telefonische Beratung und Begleitung, die sich auf mehrere Gespräche verteilen kann. Er ist für die anrufende Person kostenlos, und diese bleibt gegenüber dem SRK anonym.

«Wir organisieren umgehend»
Das SRK beschäftigt rund 30 Mitarbeitende dauerhaft im Ausland und zusätzlich pro Jahr bis zu 50 Mitarbeitende, die kürzere Einsätze in der Not- und Katastrophenhilfe leisten. Sie alle können die notfallpsychologische Unterstützung und die psychologische Krisenberatung in Anspruch nehmen. Bei oder nach besonderen Ereignissen im Inland können auch SRK-Mitarbeitende mit Arbeitsort Bern, Wabern und Altdorf auf Unterstützung zählen. Carelink bietet sie in den Sprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch an. Nach entsprechender Anfrage ist auch Unterstützung und Begleitung in weiteren Sprachen möglich.

«Die anrufende Person kann sicher sein, dass immer jemand antwortet, ungeachtet der Uhrzeit, zu der sie die Nummer wählt», sagt Carelink-Geschäftsleiter Walter Kälin. «Wir organisieren umgehend, und sei es mitten in der Nacht, einen Notfallpsychologen oder eine Notfallpsychologin. Der zeitlich und inhaltlich unmittelbare Austausch mit einer Fachperson kann sehr entlasten», so Walter Kälin weiter. In den Gesprächen geht es darum, dass die belastete Person eigene Ressourcen aktiviert, um die Normalität von vorher wiederherzustellen und so Langzeitfolgen zu verringern oder gar zu verhindern.

Debriefing-Programm
Das SRK und Carelink haben gemeinsam auch ein Debriefing-Programm aufgesetzt und standardisiert: Carelink kontaktiert SRK-Mitarbeitende, die nach Nothilfe-Einsätzen in die Schweiz zurückgekehrt sind, rund eine Woche danach, um mit ihnen ein Einsatz-Nachgespräch zu führen. Delegierte, die aus Langzeit-Einsätzen zurückkehren, können ein freiwilliges psychologisches Debriefing durch Carelink beanspruchen.

Auch diese Einsatz-Nachgespräche haben zum Ziel, allfällige schwierige Erlebnisse während eines Einsatzes in das eigene Leben einzuordnen, damit es möglichst ungestört seinen Lauf nehmen kann.

PTBS einfach erklärt.

Fünf aufschlussreiche Minuten auf Youtube

Es seien verborgene Wunden, sagt die amerikanische Psychotherapeutin Joelle Rabow Maletis. In einem rund fünfminütigen Video erklärt sie, wie eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entstehen kann, wie sich diese unsichtbaren Wunden auswirken und wie sie geheilt werden können.

Ein Geruch, nicht einmal aufdringlich, ein Geräusch, nicht einmal laut, kann geradewegs zu traumatischen Erlebnissen zurückführen und immer wieder Leid und Leiden hervorrufen. Joelle Rabow Maletis, die im kalifornischen Mountain View eine psychotherapeutische Praxis betreibt, findet für diese Vorgänge einfache Worte und in Form eines Trickfilms starke Bilder.

Ihr Film zur Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ist in der TED-Ed-Reihe erschienen: Die TED-Talks, hervorgegangen aus einer Innovations-Konferenz im kalifornischen Monterey, bieten unterhaltsame Einsichten in diverse Wissensgebiete. Die TED-Ed-Videos, ebenfalls auf Youtube, sind ausnahmslos animierte Bildungslektionen. Sie vermitteln Wissen auf einfache Art, oft auch humorvoll, stets aber inhaltlich hochstehend.

Joelle Rabow Maletis‘ Erklärfilm zur «Post-traumatic Stress Disorder» (PTSD) gibt es ausschliesslich auf Amerikanisch. Dazu lassen sich in verschiedenen Sprachen Untertitel einblenden, so auch auf Französisch. Die Fünf-Minuten-Lektion eignet sich bestens, um zum Beispiel im Rahmen des unternehmenseigenen Gesundheitsmanagements die PTBS/PTSD zur Sprache zu bringen.

Online-Therapie: Was spricht dafür?

Auch im Bereich Care stellt sich die Online-Frage.

Die einen haben langsam genug. Die andern sehen in Video-Gesprächen die Zukunft. Andi Zemp* führt Psychotherapien seit 2013 auch online durch. Im Interview mit der Journalistin Cornelia Eisenach wägt er Vor- und Nachteile ab. Für Carelink und Care fügt er eine weitere Dimension hinzu.

Andi Zemps Aussage kommt unerwartet: Online geben die Menschen in den Therapiegesprächen schneller mehr von sich preis. Das Interview, das die Wissenschaftsjournalistin Cornelia Eisenach für die NZZ am Sonntag mit ihm geführt hat, bringt weitere bedenkenswerte Aspekte der Online-Therapie glasklar auf den Punkt. Die NZZ am Sonntag und die Autorin haben Carelink die Wiedergabe des Beitrags erlaubt, der am 17. April 2021 zuerst online erschienen ist.

Vor dem Hintergrund von Care erhält das Interview eine weitere Dimension. Andi Zemp plädiert am Telefon dafür, die Online-Option auch für Care zu nutzen. Eine «differenzielle Indikation» sei dabei wichtig: Wie in der Psychotherapie gelte es auch im Bereich von Care und Notfallpsychologie zu unterscheiden, welcher Kommunikationsweg sich für wen und für welches spezifische Thema eigne: «Wann ist online auch gut, vielleicht sogar besser oder letztlich besser als gar nichts? Das sind Fragen, die sich dabei stellen.»

Andi Zemp spricht am Telefon noch vom «Talking-to-a-stranger-Effekt» und schliesst damit an das Interview in der NZZ am Sonntag an: Wer sein Gegenüber nicht kenne und mit dieser fremden Person, zum Beispiel auf einer Zugsfahrt, ins Gespräch komme, öffne sich eher. «Ähnlich ist es online: Eine Person ist weniger abgelenkt, als wenn sie in eine Praxis kommt, wo etwa die Inneneinrichtung und die Farbe der Wände doch schon sehr viel aussagen und Botschaften aussenden.» Dadurch fällt es ihr möglicherweise leichter, sich auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu fokussieren und diese offen zu artikulieren. Eine Online-Therapie oder psychosoziale Nothilfe per Video kann also unter bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen durchaus zum angestrebten Ziel führen.

* Andi Zemp ist Psychologe, Notfallpsychologe und Psychotherapeut. Er betreibt in Bern seine eigene psychotherapeutische Praxis und arbeitet als Vertrauenspsychologe für verschiedene Unternehmen und Organisationen. Seit 2005 wirkt er im Freiwilligenteam von Carelink mit. Zudem ist er Dozent für Notfallpsychologie in der Aus- und Weiterbildung «Care&Peer Practice» (CPP), die Carelink im Auftrag des Koordinierten Sanitätsdienstes (KSD) organisiert und koordiniert.

Das Schicksal kann hart sein. Eine junge Frau spricht darüber im Carelink-Webcast.

Demnächst wird sie 24, ihr Bruder ist zwei Jahre jünger. Im neusten Carelink-Webcast berichtet Cliona, wie sie vor sieben Jahren ihren Vater durch Suizid und vor einem Jahr ihre krebskranke Mutter verloren haben und wie sie persönlich damit umgeht. Wie hat sie ihre eigenen Kräfte geweckt, wie verarbeitet sie das alles?

Cliona spricht ganz ruhig und sehr überlegt. Begriffe wie Resilienz, Selbstwirksamkeit oder Wiederermächtigung braucht sie nicht. Aber genau darauf laufen ihre beeindruckenden Schilderungen hinaus: auf das Weitergehen aus eigener Kraft, wie es Carelink bei Bedarf fördert. Cliona hat ihre Methoden aus eigenem Antrieb entwickelt.

Wir empfehlen Ihnen diesen 19-minütigen Webcast sehr!