«Das Glas sollte stets halbvoll sein.»
Prof. Dr. Ulrike Ehlert zu «Stress und Resilienz».

Ein Phänomen unter Schweizer Bergführern? Mehr als 80 Prozent haben Belastendes erlebt, aber nur rund 2 Prozent leiden darunter. Prof. Dr. Ulrike Ehlert von der Universität Zürich kann die Zahlen wissenschaftlich belegen. Woher rührt das? An der Carelink-Fachtagung hat sie Antworten gegeben.

Das berühmte, zur Hälfte gefüllte Glas: Für sie ist es auf jeden Fall halb voll. Nicht halb leer. Für sie ist auch klar, warum mehr Männer übergewichtig sind als Frauen, diese aber eher zu Depressionen neigen: Männer sind, kurz und allgemein ausgedrückt, die besseren Geniesser. Das hat Prof. Dr. Ulrike Ehlert – sie leitet das Psychologische Institut der Universität Zürich – aus Zahlen des Bundesamts für Statistik herausgelesen.

Sinn für Kohärenz

Woher kommt die Fähigkeit, optimistisch und positiv zu bleiben, auch wenn das Leben einmal garstig ist? Ulrike Ehlert spricht von «Kohärenz» –gerade auch mit Blick auf die untersuchten Schweizer Bergführer, die trotz Stresssituationen gesund bleiben: Menschen mit einem hohen Kohärenzgefühl betrachten Schwieriges oder gar Traumatisches als Herausforderung, suchen darin einen Sinn, oder eben die Kohärenz, und aktivieren Bewältigungsmechanismen.

Auch die Fähigkeit, Gefühle zu erkennen, die einen in schwierigen Situationen überkommen, scheint ein Schutzfaktor zu sein: Gemäss einer Studie unter Feuerwehrleuten haben diejenigen weniger unter Belastungen gelitten, die anschliessend darüber gesprochen haben. Das Bild vom starken Mann, der alles mit sich selbst ausmacht, ist also definitiv falsch.

Gefühlsregulation und Optimismus

Wenn es darum geht, einer Belastung entgegenzuhalten, spielt ein weiterer Faktor mit: die hedonistische Emotionsregulation. Ulrike Ehlert bezeichnet damit die Fähigkeit, negative Stimmung abzuklemmen bzw. eine positive Grundeinstellung beizubehalten. Wer unter Stress einen normalen Blutdruck oder eben ruhig Blut bewahrt, gibt sich Raum zur Gefühlsregulation und somit auch zu langfristig besserer psychischer Gesundheit.

Verhilft Optimismus letztlich gar zu einem längeren Leben? Auf die Überlebenszeit von rund 2500 krebskranken Menschen, so eine Studie aus den Niederlanden, hatte der Optimismus auf jeden Fall Einfluss.

… und dazu Resilienz

Der Australier Bill Hatfield hat mit 81 Jahren die Welt allein und nonstop umsegelt – gegen den Wind. Der Georgier Lewan Berdsenschwili hat die Jahre im sowjetischen Straflager als die besten seines Lebens bezeichnet: «So viele grossartige Persönlichkeiten auf einem Haufen sieht man selten.»

Was eint Menschen wie Bill Hatfield und Lewan Berdsenschwili? Woraus ziehen sie ihre psychische Widerstandskraft, ihre Resilienz? Ulrike Ehlert macht sieben Fähigkeiten aus: die Selbstwirksamkeit, die aus Selbstvertrauen wächst, und die Selbstkontrolle, die negative Gefühle in Schach hält, dann aber auch die Fähigkeit, Unterstützung zu geben und anzunehmen, schliesslich aus Schwierigkeiten und Fehlern zu lernen, an Problemen zu arbeiten, für sich selbst Mitgefühl zu zeigen und gelassen zu bleiben.

«Selbst wenn wir Belastungen bis hin zu einem Trauma erleben, können wir uns schützen», so Ulrike Ehlert. Dazu sei es wichtig, Gefühle zu erkennen, und hedonistische Emotionsregulation reduziere Stress. Optimismus, soziale Unterstützung und die eigene Resilienz sind die weiteren Pfeiler, um psychisch gesund zu bleiben.

Vorfälle sollten nicht bagatellisiert werden.
Johanna Gerngroß über psychologisches Krisenmanagement.

Eine Ausflucht gibt es nicht: Stösst einer oder mehreren Personen in einem Unternehmen Schweres zu, kommt psychologisches Krisenmanagement ins Spiel. Dr. Johanna Gerngroß* hat an der Carelink-Fachtagung aufgezeigt, was es braucht, damit einem Unternehmen die Krisenintervention gelingt.

Sie hat sachliche Gründe: Eine Bankangestellte kann den Wunsch eines Kunden beim besten Willen nicht erfüllen. Der Kunde wird wütend und beginnt zu drohen: «Ich weiss, wo deine Tochter zur Schule geht!» Die Frau meldet den Vorfall, doch von der Bank erhält sie keine psychologische Hilfe. Nach kurzer Zeit kann sie nicht mehr arbeiten und meldet sich krank.

Personen, die bedrohliche Situationen durchgemacht haben, erleben eine grosse Diskrepanz zu den eigenen Möglichkeiten, diese zu bewältigen: So definiert die Fachwelt ein Psychotrauma, und Johanna Gerngroß zitiert Betroffene: Sie seien wie gelähmt, beschreiben diese oft ihren Zustand. Weitere Symptome sind das Gefühl von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe. Johanna Gerngroß: «Das kann sowohl das Selbst- als auch das Weltverständnis dauerhaft erschüttern.»

Hier setzt das psychologische Krisenmanagement ein, und zwar auf individueller Ebene wie auf Ebene der Organisation. Je nach Ereignis müssen auch Führungskräfte psychologisch unterstützt werden.

Anerkennen statt abwehren

Gut, wenn sich eine traumatisierte Person relativ schnell gegenüber vertrauten Menschen öffnen kann. Auch die Fähigkeit, sich eigenständig Unterstützung zu holen, ist essenziell. Ebenso hilft ein Umfeld, das eine Verarbeitung zulässt und die individuelle Bewältigung fördert.

«Ob und wie Vorgesetzte, aber auch Kolleginnen und Kollegen nach dem Ereignis auf die betreffende Person zugehen, ist deshalb wichtig», so Johanna Gerngroß. «Anzuerkennen, was die betreffende Person erlebt hat, kann bereits heilsam sein.»

Stattdessen, sagt sie, beobachte sie nicht selten Abwehrreaktionen: «Der Vorfall wird bagatellisiert, das Opfer beschuldigt, oder es wird ihm Verletzlichkeit oder gar Überforderung nachgesagt.» Dabei wäre es doch das übergeordnete Ziel, dass sich die traumatisierte Person möglichst schnell und dauerhaft erholt, damit sie zur Arbeit zurückkehren kann.

Klare Kommunikation ist wichtig

Auf individueller Ebene plädiert Johanna Gerngroß für aufsuchende Betreuung und Beratung: Notfallpsychologische Interventionen unterstützen und fördern den Erholungsprozess, psychosoziale Begleitung hilft bei der Rückkehr in den Arbeitsprozess.

Auf Ebene der Organisation sieht Johanna Gerngroß die Aufgaben im Entlasten und Stabilisieren der betroffenen Person oder Personengruppe. Auch indirekt involvierte Personen können sich durch einen Vorfall beeinträchtigt fühlen. Johanna Gerngroß weist überdies auf das Coaching von Führungskräften hin – und auf das Eindämmen von Gerüchten und Schuldzuweisungen durch eine klare interne und externe Kommunikation.

Stichwort Führungspersonen: Während diese allenfalls selber unter Schock stehen, also selber betroffen sind, sollten sie sich, scheinbar stark, hinstellen und meist noch unter Zeitdruck Entscheidungen treffen. Hier kann externe Unterstützung zwar nicht Wunder wirken, aber den Weg weisen und Entlastung bringen.

 

* Dr. Johanna Gerngroß ist Universitätslektorin an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien und an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Sie hat das Krisenmanagement der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) geleitet und ist Geschäftsführerin des «Commitment Institut», das unter anderem Krisenmanagement und psychologisches Coaching anbietet. Zudem erbringt Johanna Gerngroß den fachlichen Hintergrunddienst der Einsatzkräfte-Nachsorge im Landes-Feuerwehrverband Tirol.

Dem Trauma ein Gesicht geben.
Mathias Braschler und Monika Fischer haben Attentatsopfer porträtiert.

Utøya, Bataclan Paris, Breitscheidplatz Berlin: Die Namen haben sich eingeprägt. Doch wer denkt an die Überlebenden jener Attentate? Das fotografierende Paar Mathias Braschler und Monika Fischer hat einige porträtiert. Ihr Bericht und ihre Bilder haben an der Carelink-Fachtagung tief berührt.

Mathias Braschler hat früher als Reportagefotograf gearbeitet: hin zum Ort des Geschehens, Kamera hochhalten, Auslöser drücken. «Das war einfach nicht mein erster Instinkt», gibt er im persönlichen Gespräch sehr direkt zu. Deshalb hat er zur Porträtfotografie gewechselt. Sie erlaubt Tiefe, Auseinandersetzung, Empathie.

«Wir sind an Menschen interessiert»

Er und Monika Fischer kennen sich seit nunmehr 30 Jahren, und seit 18 Jahren arbeiten sie auch zusammen. «Wir sind an Menschen interessiert, an den Themen, die sie aktuell bewegen», sagt Mathias Braschler. «Doch an die Menschen heranzukommen, ist gar nicht so einfach», fügt Monika Fischer an. «Unsere Recherchemethoden und unsere Strategien ändern sich immer wieder und können sich über Monate erstrecken.»

Im Gespräch versuchen die beiden, ihre Interviewpersonen zu deren Emotionen zu führen. Dann erst, auf der Basis des Vertrauens und der Offenheit, beginnen sie zu fotografieren und zu filmen. Die Bilder und Videos erhalten dadurch eine Dimension, die sich dem beschreibbaren Rationalen entzieht.

Vom Leben nach dem Überleben

«Wir wählen immer die schweren Themen», so Monika Fischer. Ihre Porträts von Menschen, die Anschläge überlebt haben, sind im englischen «Guardian», im deutschen «Stern» und im Magazin des «Tages-Anzeigers» erschienen. An der Carelink-Fachtagung haben sie von diesen «Survivors» berichtet, von deren Leben nach dem Überleben. Sie haben von der Frau erzählt, die sich 2011 schwimmend von der Insel Utøya rettete und so den Schüssen des Attentäters Anders Bering Breivik entkam. Die Frau hat seither zwei Kinder geboren. Sie habe, zitiert sie Monika Fischer, noch im Kreisssaal das Bild von Breivik vor Augen gesehen – wie zum Trotz.

Ein Mann und eine Frau, die 2015 den Anschlag auf das Konzertlokal Bataclan in Paris überlebt haben, sind sich in der Reha-Klinik nähergekommen, wo sie sich von ihren Schusswunden erholten. Sie sind heute ein Paar, das sich auf einer zusätzlichen Ebene versteht, da beide den gleichen Terror erlebt haben.

Der Terrorist hat nicht gewonnen

«Der Attentäter hat mich und die Dinge, die ich liebe, nicht zerstört», sagt der Mann, der 2016 auf dem Breitscheidplatz in Berlin seinen Freund Peter verloren hat. Gerade noch hatte er mit Peter bei einem Glühwein gelacht, als der islamistische Attentäter den Sattelschlepper in die Menge steuerte. Im Video-Interview, das Mathias Braschler und Monika Fischer gedreht haben, erzählt er vom Trauma, an dem er gelitten habe, von der Trauer um seinen Freund Peter, der direkt neben ihm gestanden hatte, von der anschliessenden Depression, die ihn heimgesucht habe, und schliesslich vom Schuldgefühl des Überlebenden, das ihn geplagt habe. Irgendwann aber, berichtet er im Video, kam die Zeit für einen lebensbejahenden Entscheid: «Ich versuche, laut zu lachen, wie es Peter getan hat.»

Die Frau, die dem Attentat auf der Insel Utøya entkommen ist, das Paar, das sich nach dem Anschlag auf das «Bataclan» gefunden hat, der Mann, der sich nach dem gewaltsamen Tod seines Freundes auf dem Berliner Weihnachtsmarkt zu neuem Mut aufgerafft hat: Sie haben Namen. Mathias Braschler und Monika Fischer kennen sie alle auswendig. Zu etlichen der Porträtierten halten sie weiterhin Kontakt – und sie zu ihnen. «Sie haben hohe Resilienz bewiesen», so Monika Fischers einfaches wie starkes Fazit.

Anrufen! Und sei es mitten in der Nacht.

Mitarbeitende des Roten Kreuzes haben eine Nummer zur Hand.

Wird allmählich Standard: Unternehmen und Organisationen kümmern sich aktiv um die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden. Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) geht beispielhaft voran. Wer für das SRK im Ausland arbeitet und Belastendes erlebt, kann anrufen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Die Bilder und Begegnungen, denen Mitarbeitende in ihrer Tätigkeit im Ausland ausgesetzt sind, können belasten. Das wissen das SRK und im Speziellen Kurt Buntschu, der das SRK-Personalwesen leitet. Das SRK hat daher mit Carelink eine Vereinbarung getroffen. Sie enthält, quasi als Herzstück, eine 0848er Nummer, die aus dem Ausland problemlos erreicht werden kann. Kurt Buntschu: «Wer im Rahmen seiner oder ihrer Arbeit Belastendes gesehen oder erlebt hat, das allenfalls psychisch zusetzt, kann die Nummer wählen und sich durch Carelink professionell unterstützen und begleiten lassen. Wir betrachten das als wichtigen Dienst an unseren Mitarbeitenden, damit sie Traumata möglichst vermeiden und ihre Gesundheit wahren können.» Der Service umfasst telefonische Beratung und Begleitung, die sich auf mehrere Gespräche verteilen kann. Er ist für die anrufende Person kostenlos, und diese bleibt gegenüber dem SRK anonym.

«Wir organisieren umgehend»
Das SRK beschäftigt rund 30 Mitarbeitende dauerhaft im Ausland und zusätzlich pro Jahr bis zu 50 Mitarbeitende, die kürzere Einsätze in der Not- und Katastrophenhilfe leisten. Sie alle können die notfallpsychologische Unterstützung und die psychologische Krisenberatung in Anspruch nehmen. Bei oder nach besonderen Ereignissen im Inland können auch SRK-Mitarbeitende mit Arbeitsort Bern, Wabern und Altdorf auf Unterstützung zählen. Carelink bietet sie in den Sprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Englisch an. Nach entsprechender Anfrage ist auch Unterstützung und Begleitung in weiteren Sprachen möglich.

«Die anrufende Person kann sicher sein, dass immer jemand antwortet, ungeachtet der Uhrzeit, zu der sie die Nummer wählt», sagt Carelink-Geschäftsleiter Walter Kälin. «Wir organisieren umgehend, und sei es mitten in der Nacht, einen Notfallpsychologen oder eine Notfallpsychologin. Der zeitlich und inhaltlich unmittelbare Austausch mit einer Fachperson kann sehr entlasten», so Walter Kälin weiter. In den Gesprächen geht es darum, dass die belastete Person eigene Ressourcen aktiviert, um die Normalität von vorher wiederherzustellen und so Langzeitfolgen zu verringern oder gar zu verhindern.

Debriefing-Programm
Das SRK und Carelink haben gemeinsam auch ein Debriefing-Programm aufgesetzt und standardisiert: Carelink kontaktiert SRK-Mitarbeitende, die nach Nothilfe-Einsätzen in die Schweiz zurückgekehrt sind, rund eine Woche danach, um mit ihnen ein Einsatz-Nachgespräch zu führen. Delegierte, die aus Langzeit-Einsätzen zurückkehren, können ein freiwilliges psychologisches Debriefing durch Carelink beanspruchen.

Auch diese Einsatz-Nachgespräche haben zum Ziel, allfällige schwierige Erlebnisse während eines Einsatzes in das eigene Leben einzuordnen, damit es möglichst ungestört seinen Lauf nehmen kann.

PTBS einfach erklärt.

Fünf aufschlussreiche Minuten auf Youtube

Es seien verborgene Wunden, sagt die amerikanische Psychotherapeutin Joelle Rabow Maletis. In einem rund fünfminütigen Video erklärt sie, wie eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entstehen kann, wie sich diese unsichtbaren Wunden auswirken und wie sie geheilt werden können.

Ein Geruch, nicht einmal aufdringlich, ein Geräusch, nicht einmal laut, kann geradewegs zu traumatischen Erlebnissen zurückführen und immer wieder Leid und Leiden hervorrufen. Joelle Rabow Maletis, die im kalifornischen Mountain View eine psychotherapeutische Praxis betreibt, findet für diese Vorgänge einfache Worte und in Form eines Trickfilms starke Bilder.

Ihr Film zur Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ist in der TED-Ed-Reihe erschienen: Die TED-Talks, hervorgegangen aus einer Innovations-Konferenz im kalifornischen Monterey, bieten unterhaltsame Einsichten in diverse Wissensgebiete. Die TED-Ed-Videos, ebenfalls auf Youtube, sind ausnahmslos animierte Bildungslektionen. Sie vermitteln Wissen auf einfache Art, oft auch humorvoll, stets aber inhaltlich hochstehend.

Joelle Rabow Maletis‘ Erklärfilm zur «Post-traumatic Stress Disorder» (PTSD) gibt es ausschliesslich auf Amerikanisch. Dazu lassen sich in verschiedenen Sprachen Untertitel einblenden, so auch auf Französisch. Die Fünf-Minuten-Lektion eignet sich bestens, um zum Beispiel im Rahmen des unternehmenseigenen Gesundheitsmanagements die PTBS/PTSD zur Sprache zu bringen.

Online-Therapie: Was spricht dafür?

Auch im Bereich Care stellt sich die Online-Frage.

Die einen haben langsam genug. Die andern sehen in Video-Gesprächen die Zukunft. Andi Zemp* führt Psychotherapien seit 2013 auch online durch. Im Interview mit der Journalistin Cornelia Eisenach wägt er Vor- und Nachteile ab. Für Carelink und Care fügt er eine weitere Dimension hinzu.

Andi Zemps Aussage kommt unerwartet: Online geben die Menschen in den Therapiegesprächen schneller mehr von sich preis. Das Interview, das die Wissenschaftsjournalistin Cornelia Eisenach für die NZZ am Sonntag mit ihm geführt hat, bringt weitere bedenkenswerte Aspekte der Online-Therapie glasklar auf den Punkt. Die NZZ am Sonntag und die Autorin haben Carelink die Wiedergabe des Beitrags erlaubt, der am 17. April 2021 zuerst online erschienen ist.

Vor dem Hintergrund von Care erhält das Interview eine weitere Dimension. Andi Zemp plädiert am Telefon dafür, die Online-Option auch für Care zu nutzen. Eine «differenzielle Indikation» sei dabei wichtig: Wie in der Psychotherapie gelte es auch im Bereich von Care und Notfallpsychologie zu unterscheiden, welcher Kommunikationsweg sich für wen und für welches spezifische Thema eigne: «Wann ist online auch gut, vielleicht sogar besser oder letztlich besser als gar nichts? Das sind Fragen, die sich dabei stellen.»

Andi Zemp spricht am Telefon noch vom «Talking-to-a-stranger-Effekt» und schliesst damit an das Interview in der NZZ am Sonntag an: Wer sein Gegenüber nicht kenne und mit dieser fremden Person, zum Beispiel auf einer Zugsfahrt, ins Gespräch komme, öffne sich eher. «Ähnlich ist es online: Eine Person ist weniger abgelenkt, als wenn sie in eine Praxis kommt, wo etwa die Inneneinrichtung und die Farbe der Wände doch schon sehr viel aussagen und Botschaften aussenden.» Dadurch fällt es ihr möglicherweise leichter, sich auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse zu fokussieren und diese offen zu artikulieren. Eine Online-Therapie oder psychosoziale Nothilfe per Video kann also unter bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen durchaus zum angestrebten Ziel führen.

* Andi Zemp ist Psychologe, Notfallpsychologe und Psychotherapeut. Er betreibt in Bern seine eigene psychotherapeutische Praxis und arbeitet als Vertrauenspsychologe für verschiedene Unternehmen und Organisationen. Seit 2005 wirkt er im Freiwilligenteam von Carelink mit. Zudem ist er Dozent für Notfallpsychologie in der Aus- und Weiterbildung «Care&Peer Practice» (CPP), die Carelink im Auftrag des Koordinierten Sanitätsdienstes (KSD) organisiert und koordiniert.

Das Schicksal kann hart sein. Eine junge Frau spricht darüber im Carelink-Webcast.

Demnächst wird sie 24, ihr Bruder ist zwei Jahre jünger. Im neusten Carelink-Webcast berichtet Cliona, wie sie vor sieben Jahren ihren Vater durch Suizid und vor einem Jahr ihre krebskranke Mutter verloren haben und wie sie persönlich damit umgeht. Wie hat sie ihre eigenen Kräfte geweckt, wie verarbeitet sie das alles?

Cliona spricht ganz ruhig und sehr überlegt. Begriffe wie Resilienz, Selbstwirksamkeit oder Wiederermächtigung braucht sie nicht. Aber genau darauf laufen ihre beeindruckenden Schilderungen hinaus: auf das Weitergehen aus eigener Kraft, wie es Carelink bei Bedarf fördert. Cliona hat ihre Methoden aus eigenem Antrieb entwickelt.

Wir empfehlen Ihnen diesen 19-minütigen Webcast sehr!

Diese Haltung liegt allem zu Grunde.

Die Carelink-Freiwilligen bekennen sich alle zu den gleichen Grundsätzen.

Wer sich mit Carelink befasst, weiss es: Carelink kann schweizweit bis zu 350 ausgebildete Freiwillige aufbieten. Das ist für den Fall eines Grossereignisses wichtig. Ein Viertel sind Notfallpsychologinnen und -psychologen. Doch welche Haltungsgrundsätze verbinden die Freiwilligen? Ein kurzer Einblick.

Es kann nur wirken, was gemeinsam angestrebt und gelebt wird. Deshalb durchlaufen alle Mitglieder des Freiwilligenteams nach dem Aufnahmeverfahren zuerst eine viertägige Grundausbildung. „Danach“, so Petra Strickner, Leiterin Freiwilligenteam und Notfallpsychologie, „stehen ihnen unterschiedliche Weiterbildungsmöglichkeiten offen.“ Die einen werden zu Teamleaders, andere bevorzugen, mit Blick auf ein allfälliges Grossereignis, eine Spezialisierung aufs Backoffice oder aufs Callcenter.

Eines indes bleibt immer gleich: „Bereits im Einführungskurs“, fährt Petra Strickner weiter, „vermitteln wir den Freiwilligen die Haltung, die sie bei jedem Einsatz einnehmen werden.“ Sechs Punkte sind es, zu denen jedes Mitglied des Freiwilligenteams sein Einverständnis geben muss:

  • Ich zeige den Betroffenen gegenüber Wertschätzung in Form von Achtung, Wärme und Rücksichtnahme.
  • Ich bin empathisch, indem ich mich um einfühlendes Verstehen der inneren Welt der Betroffenen bemühe.
  • Ich bin um Echtheit bemüht.
  • Ich anerkenne, dass jede erdenkliche Reaktion der Betroffenen in diesem Augenblick Sinn macht.
  • Ich bin um meine eigene seelische und körperliche Gesundheit besorgt und bin mir meiner Grenzen bewusst.
  • Meine innere Haltung ist Zuversicht. Ich traue den Betroffenen zu, diese Krise zu bewältigen.

Die Haltung der Freiwilligen kommt, da sie derart zentral ist, immer wieder zur Sprache. Sie ist nicht nur ein wichtiger Punkt in der Rekrutierung und in der Aus- und Weiterbildung, sie wird auch in Einsatznachgesprächen, Fallbesprechungen und Supervisionen immer wieder angesprochen und überprüft. Damit schafft Carelink ein gemeinsames Verständnis – und vor allem qualitative Kontinuität.

Im Spital ist alles sehr anders in diesen Zeiten.

Ethikerin und Theologin Karin Kaspers Elekes im Gespräch

Wie kann ein Spital zu Corona-Zeiten Mitarbeitende und Angehörige entlasten? Die Pädagogin und Theologin Karin Kaspers Elekes* ist auch in psychologischer Nothilfe und in «Spiritual Care» ausgebildet. Am Kantonsspital Münsterlingen gehört die Leitung des Ethikforums zu ihren Aufgaben. Karin Kaspers Elekes spricht von Vertrauen als Ressource – auch von Beziehung und früher Trauer.

Die zweite Corona-Welle ist heftiger als die erste. Falls die Kapazitäten auf den Intensivstationen nicht ausreichen sollten, könnten die Pflegenden und Behandelnden mit ethischen Fragen konfrontiert werden, wie sie während der ersten Corona-Welle diskutiert wurden. Wie lösen Sie dieses allfällige Dilemma am Kantonsspital Münsterlingen?

Karin Kaspers Elekes: Dilemmata haben es an sich, dass sie – welche Lösung auch immer angestrebt wird – keine «Ideallösung» kennen. Wir versuchen in höchstem Masse, Kapazitäten an die sich abzeichnende Situation anzupassen. Vorausschauende, flexible Planung in aller Planungsunsicherheit, so würde ich die Strategie nennen.

Sehr wesentlich erscheint mir überdies die bereits in der ersten Welle geleistete, breit abgestützte ethische Reflexion von Entscheidungskriterien und -strukturen, falls sich im Lauf dieser Pandemieperiode die Ressourcen verknappen sollten.

Für schwierige, existenzielle Krisensituationen haben wir ein Kriseninterventionsteam eingerichtet. Darin sind die Kompetenzen so verteilt, dass besonders betroffene Bezugspersonen ebenso profitieren können wie Teams und einzelne Mitarbeitende.

Überhaupt: Wie unterstützen Sie Ihre Mitarbeitenden in diesen anspruchsvollen Zeiten?

Karin Kaspers Elekes: Die Sorge, mit Situationen konfrontiert zu werden, in denen es schwierig oder unmöglich wird, den ethischen Ansprüchen auch an die eigene Person gerecht zu werden, macht etwas mit den Menschen, schon bevor es zu einer solche Herausforderung kommt. Darum ist das Vertrauen innerhalb der interprofessionellen Behandlungsteams derzeit eine wichtige Ressource. Offen Fragen zu stellen, Skepsis rechtzeitig zu äussern und manchmal auch einen schweren Entscheid miteinander zu tragen, das stärkt sowohl die Teams als auch die einzelnen Teammitglieder. Was bedeutet, dass unter den erschwerten Bedingungen die Kommunikation im Team besonders wichtig ist.

Aber auch Gespräche im Sinn notfallpsychologischer Interventionen nach aussergewöhnlich belastenden Situationen können helfen. Am Kantonsspital Münsterlingen bieten wir den Mitarbeitenden diese Unterstützung rund um die Uhr an. Und auch wenn über spirituelle Ressourcen nicht so oft gesprochen wird: In Krisenzeiten werden sie auch bei professionell im Gesundheitswesen Tätigen zum Thema.

Wie gehen die Menschen in Ihrem Umfeld mit Trauer um, wenn sie die sonst üblichen, stabilisierenden Abschiedsrituale nur eingeschränkt, wenn überhaupt, vollziehen können?

Karin Kaspers Elekes: Trauernde haben derzeit wenig Raum, um ihre Verlusterfahrungen mit anderen zu teilen. Und das in einer Gesellschaft, in der die Angst vor dem Sterben das «Klima» aktuell dauerbelastet. Zudem trauert diese Gesellschaft gerade um ihre Sicherheit, die sie lange Zeit als normal betrachtet hat.

Nach meiner Erfahrung führt dies einerseits dazu, dass Trauerrituale noch individueller gestaltet werden, weil die traditionellen Abschiedsrituale unter den aktuellen Bedingungen nur schwer gelebt werden können. Andererseits ziehen sich Trauernde vermehrt zurück, die Resonanzräume für ihre Erfahrungen sind begrenzt auf Grund des «Social Distancing». Nicht selten bekommen Trauernde auch die Angst von Menschen zu spüren, sich zum Beispiel mit dem Coronavirus anzustecken – selbst wenn ein ganz anderer Sterbegrund vorliegt. Nicht wenige Trauernde erzählen heute, Skepsis zu begegnen und gemieden zu werden.

Es gibt aber auch Gegenbeispiele: Menschen, die in tragenden Beziehungen zu Nachbarn und Freunden leben, berichten von starker Unterstützung in der Abschiedsphase, die sich oft ganz konkret zeige: Einkaufen, Kochen – was eben gerade anstehe, werde ihnen abgenommen. Der Philosoph Martin Buber sagte wohl berechtigt: «Das ganze wirkliche Leben ist Beziehung.»

Da sind Sie mit divergierenden Bedürfnissen konfrontiert.

Karin Kaspers Elekes: Wir legen viel Wert auf das Angebot, Angehörige bereits früh und kontinuierlich zu begleiten, auch wenn noch nicht unbedingt zu erwarten ist, dass ein kranker Mensch sterben wird. Trauer beginnt viel früher.

Wir nehmen die antizipierende Trauer von Patientinnen und Patienten sowie von deren Bezugspersonen sehr ernst, ihre psychischen und spirituellen Bedürfnisse – vor allem unter den derzeit gegebenen Bedingungen eingeschränkter Kontaktmöglichkeiten während eines Spitalaufenthalts. Wie Trauer und Abschied gelebt werden können, das entscheidet letztlich mit über die Rückkehr in das durch den Verlust eines Menschen veränderte Leben.

* Karin Kaspers Elekes ist diplomierte Pädagogin und Theologin. Sie ist zudem in psychologischer Nothilfe ausgebildet und hat sich kürzlich zum «Master of Advanced Studies (MAS) in Spiritual Care» weitergebildet. Der berufsbegleitende Lehrgang der Medizinischen Fakultät der Universität Basel, den sie inzwischen mitleitet, befähigt im Umgang mit Gesundheit, Krankheit und Tod zum Einbezug der spirituellen Dimension: https://spiritual-care.weiterbildung.unibas.ch/de/home/

Dem Tod sehr nahe sein – Webcast mit Judith Brauneis

Anstelle der abgesagten Freiwilligentagung hat Carelink diesen Webcast mit Patrick Rohr, Moderator, und Judith Brauneis, Sektionsassistentin, Trauerbegleiterin und Caregiverin, produziert. Ein spannender Einblick in einen nicht ganz alltäglichen Beruf!