(Notfall-) Psychologie

Lesen Sie hier verschiedene ausgewählte Fachbeiträge aus den CareNews, dem Newsletter von CareLink, sowie weitere Artikel zum Thema Care, die in anderen Publikationen erschienen sind.

Die Auswahl der Artikel aus anderen Medien erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Deren Inhalt verantworten die Autorinnen und Autoren.

Diese Bilder, die immer wiederkehren.

Hirnforscher Alexander Jatzko* weiss, was da im Kopf vorgeht.
Quelle: CareNews Oktober 2015

Was können traumatische Erlebnisse im menschlichen Hirn auslösen? Der Arzt Alexander Jatzko forscht seit Jahren zum Thema und hat Antworten. An der CareLink-Freiwilligentagung hat er sie den Teilnehmenden präsentiert. Seine Erkenntnisse können Folgen haben für die Betreuung Betroffener.

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Es sind diese Bilder, die sich im Kopf festkrallen. Sie schieben sich nachts vor das innere Auge. Als Alptraum, der das Erlebte in all seinem unbeschreiblichen Schrecken wiederholt. Und sie tauchen selbst nach Jahren wieder auf. Weil ein Gegenstand, ein Geruch oder ein Geschmack an den erlittenen tiefen Einschnitt ins Leben erinnert und alles wieder wachruft.

Einige Menschen in Deutschland müssen seit dem 28. August 1988 mit Bildern wie diesen leben. Ein Flugzeug einer Kunstflugstaffel stürzte damals im pfälzischen Ramstein in die Menge der Zuschauenden. Siebzig Personen starben. Überlebende des Unglücks und Angehörige der Todesopfer, die alles mitansehen mussten, litten oder leiden teilweise bis heute unter ihrem Trauma.

Alexander Jatzko hat die Gehirne einer Gruppe von Ramstein-Überlebenden untersucht. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der Klinik für Psychosomatik am Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern. Als neurobiologischer Forscher führt er die Arbeit seiner Eltern weiter: Die Gesprächstherapeutin Sybille Jatzko und der Arzt Hartmut Jatzko haben sich um die Betreuung Betroffener nach der Katastrophe von Ramstein sehr verdient gemacht und sich in der Katastrophennachsorge einen Namen geschaffen.

Psychische Störungen, die als Folge von Traumata auftreten können, hat Alexander Jatzko mit dem Kernspintomografen bildlich festgehalten. Er ist dabei auf Hirnareale gestossen, die durch ein traumatisches Erlebnis und durch die daraus resultierende Posttraumatische Belastungsstörung verändert worden sind. Das Grosshirn, das der Mensch braucht, um bewusst zu denken, wird nicht mehr richtig durchblutet. Es verliert damit die Kontrolle über die Hirnbereiche, welche die Emotionen steuern. Auch das Angst- und Gedächtniszentrum im Gehirn kann das Grosshirn nicht mehr in Schach halten. Kurz: Die negativen Emotionen und die schmerzhaften Erinnerungen können ungehindert wuchern und immer wieder, auch aus scheinbar nichtigem Grund, überhandnehmen. Sie haben quasi freie Bahn. Das ist gemäss Erkenntnis von Alexander Jatzko umso fataler, „als der Mandelkern, einer der Hauptakteure im emotionalen Gedächtnis, bei Traumafolgestörungen deutlich heftiger auf negative Reize reagiert“.

Und was heisst das nun für die Betreuung von Menschen, die gerade Schwerwiegendes erlebt haben? Was heisst das für die Caregivers, die für CareLink und ihre Kunden Einsätze leisten? Alexander Jatzko persönlich gibt im Interview ((verlinken mit Interview)) Auskunft.


* Alexander Jatzko ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der Klinik für Psychosomatik am Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern, Deutschland. An der CareLink-Freiwilligentagung 2015 hat er in einem Referat die neurophysiologischen Aspekte nach traumatischen Ereignissen beleuchtet und deren Konsequenzen für die Betreuung aufgezeigt. Das Interview wurde im Vorfeld der CareLink-Freiwilligentagung geführt.


«Nonverbales Dasein besänftigt das Gefühlszentrum im Gehirn.»

Interview mit dem Hirnforscher Alexander Jatzko*
Quelle: CareNews Oktober 2015

Hirnforscher Alexander Jatzko spricht vom Denken und Fühlen, vom Grosshirn und vom Mandelkern. Und er spricht immer wieder von Verknüpfungen. Traumatisierte Menschen verknüpfen das Denken und Fühlen im Gehirn nicht mehr richtig. Die Gefühlszentren wie der Mandelkern werden übermächtig, die Schreckensbilder des Erlebten kehren immer wieder . Doch dem Trauma kann schon in der Akutbetreuung entgegengewirkt werden.

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Herr Jatzko, angenommen, ich bin in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt: Was geht dabei in meinem Gehirn vor?
Alexander Jatzko:
Wenn Sie Glück haben, läuft die Kommunikation in Ihrem Gehirn normal ab. Sie werden kein Trauma ausbilden. Fährt jedoch Ihr Frontalhirn herunter, mit dem Sie sonst denken, erleiden Sie einen psychischen Schock: Sie können nicht mehr richtig verknüpfen, was Ihnen da gerade widerfährt. Oder das Frontalhirn bleibt aktiv, aber die Schaltzentrale in der Mitte Ihres Gehirns wird gestört: Sie nehmen das schreckliche Geschehen wohl wahr, können es auch abspeichern, sich teilweise aber nicht daran erinnern, da die Verknüpfungen mit anderen Hirnregionen gekappt sind.

Werden solche Gedächtnisinhalte nach dem Unfall durch irgendein Ereignis wachgerufen oder getriggert, wie wir sagen, kommt es zu Intrusionen oder sogar Flashbacks: Da die Hirnregionen nach wie vor nicht oder zumindest nicht richtig verknüpft sind, erleben Sie alles nochmals, wie wenn es sich im Hier und Jetzt tatsächlich zutragen würde. Das Grosshirn reduziert – Stichwort fehlende Verknüpfung – seine Aktivität. Sie leiden an einem Trauma. Was Sie durchmachen, ist hirnphysiologisch nicht mit einer Panikattacke zu verwechseln. Bei Intrusionen und Flashbacks wird das Grosshirn weniger durchblutet, bei einer Panikattacke bleibt die Durchblutung normal oder wird sogar stärker.

Vom konkreten Beispiel zur allgemeinen Handlungsanweisung: Was heisst das nun für die Betreuung von Menschen, die gerade etwas Schreckliches erlebt haben?
Alexander Jatzko:
Entscheidend für die Akutbetreuung ist, in welchem Zustand sich die betroffene Person befindet. Hat sie einen psychischen Schock erlitten, gilt es, sie aus dieser Starre herauszuholen und zum Beispiel durch Dasein auf ihre Gefühlszentren einzuwirken. Ein vorsichtiges Gespräch kann das Gefühl und die Gewissheit vermitteln, dass ihr geholfen wird. Andererseits muss auch das Grosshirn aktiviert werden. Das können schon einfache Fragen erreichen wie: Haben Sie Durst? Möchten Sie jemanden anrufen? So fängt die betroffene Person an, für sich selber zu denken. Sie kommt aus dem psychischen Schock heraus, da das Grosshirn wieder anfängt zu arbeiten.

Ist die betroffene Person durch das Ereignis nur belastet und nicht traumatisiert, und möchte sie darüber sprechen, so kann bereits an Ort und Stelle Verknüpfungsarbeit geleistet werden. Wenn jemand sprechen will, beansprucht dies das Grosshirn. Folglich können die Gefühlsregionen besser kontrolliert werden. Zuzuhören und schützend da zu sein, kann die Verknüpfung fördern und die Belastung mindern. Allerdings sollte eine betroffene Person niemals zum Reden gezwungen werden.

Nonverbales Dasein kann das Gefühlszentrum im Gehirn jedenfalls ganz direkt besänftigen. Sehr wichtig ist immer auch diese eine behutsame Frage: Wie kann ich Ihnen helfen, was benötigen Sie jetzt? Die Frage spricht sowohl das Grosshirn als Denkzentrum an als auch den die Gefühle bestimmenden Mandelkern, die Amygdala. Wer akut Betroffene betreut, sollte also nie allein entscheiden, was sie brauchen, sondern sie immer einbeziehen.


Wie gehen nun Fachleute von Blaulicht- und Care-Organisationen vor diesem Hintergrund mit schwierigen Einsätzen um? Schalten sie, zu Gunsten der eigenen psychischen Gesundheit, voll auf Vernunft, so schützen sie sich wohl selber, erreichen aber allenfalls die Betroffenen nicht mehr. Ein Zielkonflikt ohne Lösung?
Alexander Jatzko: Wenn zum Beispiel ein Caregiver bei einem Einsatz im Gehirn Verknüpfungen mit dem eigenen Leben anstellt, muss er diese sofort unterbinden. Die eiserne Regel, um sich selber vor psychischem Leiden zu bewahren, lautet: Das eigene Leben heraushalten! Wer diese Distanz aufgibt, wird verletzbar.

Ein Caregiver, um bei diesem Beispiel zu bleiben, kann mit der betroffenen Person mitfühlen, solange das für ihn selber nicht zum Problem wird. Andernfalls muss er das Mitfühlen sein lassen. Er kann dennoch der betroffenen Person zugewandt und ihr gegenüber empathisch sein. Das genügt, um auf ihren Zustand und ihre Bedürfnisse einzugehen. Ein Caregiver sollte immer daran denken, was der betroffenen Person jetzt helfen kann und welche Reaktion von ihm jetzt adäquat ist.

Zur professionellen Distanz gehört auch, das eigene Grosshirn aktiv zu halten. Je langsamer jemand übrigens denkt, umso besser kann er oder sie das Grosshirn kontrollieren. Falls diese Kontrolle nicht funktioniert, fahren die eigenen Gefühlszentren hoch, und damit ist letztlich niemandem geholfen.

Wenden wir uns von der Akutphase der Therapiephase zu. Welche Möglichkeiten sehen Sie als Hirnforscher, um Traumata und Posttraumatische Belastungsstörungen zu behandeln?
Alexander Jatzko: Es gibt verschiedene Therapieformen, doch jede setzt letztlich die Verknüpfungsarbeit fort, welche ein Caregiver oder eine Notfallpsychologin im Idealfall bereits begonnen haben. Die zu behandelnde Person lernt unter anderem, ihre Gefühlszentren zu kontrollieren.

Die Expositionstherapie zum Beispiel lässt die Gedächtnisinhalte hochkommen und hält gleichzeitig das Grosshirn aktiv, damit nicht richtig verknüpfte Gedächtnisinhalte wieder mit dem Grosshirn verknüpft werden. Bei der EMDR-Methode – die Abkürzung steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing – wird das Grosshirn über Augenbewegungen oder über taktile Reize angeregt, aktiver zu sein und dadurch besser zu verknüpfen.

Optimal: Wer sich entspannen oder meditieren kann, denkt in dieser Phase weniger. Das Grosshirn kann dabei so aktiv werden, dass es das gesamte Gehirn unter Kontrolle bringt.

* Alexander Jatzko ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt der Klinik für Psychosomatik am Westpfalz-Klinikum in Kaiserslautern, Deutschland. An der CareLink-Freiwilligentagung 2015 hat er in einem Referat die neurophysiologischen Aspekte nach traumatischen Ereignissen beleuchtet und deren Konsequenzen für die Betreuung aufgezeigt. Das Interview wurde im Vorfeld der CareLink-Freiwilligentagung geführt.


Lässt sich Resilienz trainieren?

Militärpsychologe Hubert Annen* über ein Programm der US-Armee.
Quelle: CareNews Dezember 2014

Resilienz, die psychische Widerstandskraft gegenüber schwierigen Umständen, beschäftigt weiter. CareLink vertieft deshalb das an der Freiwilligentagung 2015 und im Newsletter lancierte Thema. Nach dem Interview mit Ulrike Ehlert – siehe Newsletter-Archiv – schildert jetzt Militärpsychologe Hubert Annen*, wie die US-amerikanische Armee damit umgeht.

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Sowohl der berufliche als auch der private Alltag werden immer herausfordernder. Leistungs- und Zeitdruck, Informationsflut sowie die ständige Erreichbarkeit führen zu Stress oder Burnout. Dass dies regelmässig von den verschiedensten Presseerzeugnissen – vom Blick am Abend bis hin zu Fachzeitschriften – thematisiert wird, unterstreicht die Bedeutung, welche die Gesellschaft diesem Problem einräumt.

In diesem Zusammenhang stösst man vermehrt auf den Begriff der Resilienz, womit der erfolgreiche Umgang mit belastenden Situationen gemeint ist. Im Mittelpunkt des Interesses stehen dabei nicht mehr die Stressoren, deren negative Folgen und die Behandlung der betroffenen Menschen. Vielmehr beschäftigt man sich mit den Faktoren, die einen Menschen befähigen, trotz schlimmer Erlebnisse oder schwieriger Rahmenbedingungen psychisch gesund zu bleiben und oft sogar daran zu wachsen. Dabei gibt es grundsätzlich zwei Betrachtungsweisen. Zum einen geht man davon aus, dass Resilienz mindestens teilweise eine Veranlagung ist und Personen somit unterschiedliche Voraussetzungen haben, eine Herausforderung oder einen Schicksalsschlag zu meistern. Wie im physischen Bereich Ausdauer, Kraft und starke Gelenke vergleichsweise gute Voraussetzungen dafür sind, körperlichen Anstrengungen erfolgreich zu begegnen, gelten im mentalen Bereich Optimismus, erlebte Selbstwirksamkeit und Gelassenheit als hilfreich, um belastende Situationen schadlos zu überstehen. Zum anderen wird angenommen, dass Resilienz – ähnlich wie die physische Fitness – trainierbar ist.

200‘000 psychisch versehrte Soldaten

Dieser Ansatz diente der amerikanischen Armee als Basis, als sie vor fünf Jahren das Programm für „Comprehensive Soldier and Family Fitness“ einführte. Bis zu jenem Zeitpunkt waren mehr als 1,6 Millionen Soldaten im Kriegseinsatz im Irak oder in Afghanistan gewesen. Ausgehend von der vorsichtigen Schätzung, dass 12 bis 15 Prozent dieser Soldaten mehr oder weniger stark psychisch traumatisiert nach Hause zurückgekehrt waren, kam man auf die beeindruckende Zahl von 200‘000 psychisch versehrten Armeeangehörigen. Dass unter diesen Umständen der klassische Diagnose-/Behandlungsansatz nicht ausreichte, lag auf der Hand. Also verlagerte man mit der Initialisierung eines Resilienztrainings den Schwerpunkt auf die Prävention, deren Ziel der damalige Stabschef der Armee, George W. Casey, auf den Punkt brachte: „(...) so our soldiers can ‚be‘ better before deploying to combat, so they will not have to ‚get‘ better after they return.

Ausbildung zum Master Resilience Trainer
Um innert kurzer Frist möglichst viele Armeeangehörige erreichen zu können, wurde ein Train-the-Trainer-Ansatz gewählt. Dabei werden Unteroffiziere während eines zehntägigen Intensivkurses zu so genannten Master Resilience Trainers (MRT) ausgebildet. Der MRT-Kurs besteht aus vier Modulen. Im ersten werden die Teilnehmenden mit dem Konzept der Resilienz bekannt gemacht. Danach geht es im zweiten Modul um die relevanten Kernkompetenzen von Resilienz und insbesondere, wie man sie erlernen und weiterentwickeln kann. So werden unter anderem die persönlichen Denkmuster erörtert und die Frage, inwiefern sie sich in bestimmten Situationen ungünstig auswirken. Zur Anwendung gelangen dabei bewährte Methoden aus der kognitiven Verhaltenstherapie oder aus der Sportpsychologie. Im dritten Modul identifizieren die Teilnehmenden die eigenen Charakterstärken, um dann zu besprechen, wie sie zum Beispiel Humor, Mut, Beharrlichkeit oder Weisheit nutzen können, um das Teamwork zu verbessern oder unüberwindbar scheinende Hindernisse zu überwinden. Schliesslich steht im vierten Modul das Aufbauen und Stärken von Beziehungen im Zentrum. Geübt werden dabei das aktive Zuhören und Antworten, das Zeigen von Wertschätzung sowie die zielführende Anwendung verschiedener Kommunikationsstile. Dergestalt ausgebildet, kehren die Unteroffiziere zu ihren Einheiten zurück und geben ihr Wissen den Soldaten weiter.

Der Effekt des Resilienztrainings
Nun stellt sich natürlich die Frage, ob dieses Training denn auch wirkt. Die bisherigen Evaluationen zeigen, dass Soldaten in Einheiten, in denen das Resilienztraining durchgeführt worden ist, ihre Resilienz und mentale Stärker deutlich höher einschätzen als ihre Kameraden, die das Training nicht durchlaufen haben. In spezifischeren Untersuchungen stellte man zudem fest, dass das Resilienztraining den Optimismus sowie die Anpassungsfähigkeit der Teilnehmenden verbessert, was wiederum zu einem Rückgang an psychischen Problemen führt. Und mit der Beobachtung, dass in Einheiten mit Resilienztraining der Alkohol- und Drogenmissbrauch abnimmt, konnte sogar ein objektiver Effekt nachgewiesen werden.

Im Rahmen der Studien stiess man überdies noch auf Faktoren und Bedingungen, welche die Wirkung des Trainings begünstigen. So scheinen jüngere Soldaten zwischen 18 und 24 Jahren besser auf die Intervention anzusprechen als ältere Armeeangehörige. Besonders wichtig ist jedoch, dass das Training ein Bestandteil des offiziellen Ausbildungsprogramms ist, die Master Resilience Trainer sorgfältig ausgewählt werden und ihre Aufgabe seriös und motiviert wahrnehmen und dass das ganze Programm von den Vorgesetzten sichtlich unterstützt wird.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Ansatz des Resilienztrainings einiges verspricht. Wunder kann und soll man jedoch nicht erwarten. Ist das Resilienztraining richtig eingebettet, dürften sich indes positive Effekte einstellen. Diese Erkenntnis dient sicher auch weiteren Organisationen, etwa aus dem Gesundheits- und dem Blaulicht-Bereich, denn Resilienztrainings setzen ein deutliches Zeichen für eine Unternehmenskultur, in der Sorge zu den Mitarbeitenden getragen wird.


* Dr. phil. Hubert Annen ist Psychologe und Dozent für Militärpsychologie und Militärpädagogik an der Militärakademie der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich.

«Psychische Erkrankungen werden immer noch nicht ernst genommen.»

Interview mit Ursula Zybach, Public Health Schweiz
Quelle: CareNews Dezember 2014

Gesundheit ist nicht nur ein persönliches Anliegen. Gesundheit hat auch eine gesellschaftliche Ebene. Public Health Schweiz vernetzt Organisationen, die sich für die Gesundheit der Bevölkerung in der Schweiz engagieren. Ein Manifest plädiert nun für einen bewussteren Einbezug der psychischen Dimension: Stets geht es um Körper, Seele und Geist. CareLink unterstützt das Manifest. Ursula Zybach, Geschäftsführende Präsidentin von Public Health Schweiz, beleuchtet dessen Hintergründe.

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Frau Zybach, die nationale Fachorganisation Public Health Schweiz setzt sich seit 42 Jahren für die öffentliche Gesundheit ein. Und doch ist Public Health Schweiz allgemein kaum bekannt. Warum?
Ursula Zybach:
Fachpersonen und Fachorganisationen kennen den Verein Public Health Schweiz sehr wohl. Er bildet das themenübergreifende, interdisziplinäre gesamtschweizerische Netzwerk der Public-Health-Fachleute. Public Health Schweiz zählt heute 656 Einzelmitglieder, 97 Kollektiv- und 19Gönnermitglieder.


Können Sie konkrete Massnahmen nennen, welche Public Health Schweiz unternommen hat, um die öffentliche Gesundheit zu fördern? Oder anders herum gefragt: Wie kann die Bevölkerung von Public Health Schweiz profitieren?
Ursula Zybach:
Wir bieten jedes Jahr eine zweitägige Konferenz zu einem aktuellen Fachthema an. 2012 und 2013 widmeten wir sie den chronischen Erkrankungen, 2011 ging es um die Reorganisation der Gesundheitssysteme. Dadurch werden Fachpersonen auf neue Themen aufmerksam, und sie können neue Erkenntnisse oder Facherfahrungen miteinander teilen. In unseren fünf Fachgruppen Ernährung, Epidemiologie, Gesundheitsförderung, Mental Health und Global Health vernetzen sich Fachpersonen aus demselben Fachgebiet. Sie etablieren Arbeits- und Positionspapiere und tauschen Erfahrungen aus. Wir engagieren uns auch im politischen Kontext und nehmen zu wichtigen Vorlagen Stellung. Im vergangenen Jahr zum Beispiel haben wir den Abstimmungskampf zum nationalen Epidemiengesetz geführt, das schliesslich mit 60 Prozent Ja-Stimmen angenommen wurde.


An der diesjährigen „«Swiss Public Health Conference» haben Sie das «Schweizer Manifest für Public Mental Health» vorgestellt. Es verlangt einen stärkeren Einbezug der psychischen Dimension von Gesundheit, eine somit integrale Betrachtung, und zwar auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene. Welches sind, noch konkreter, die Ziele des Manifests?
Ursula Zybach: Das Manifest soll dem Thema der psychischen Gesundheit im alltäglichen Handeln von Fachwelt, Gesellschaft und Politik zu grösserer Beachtung zu verhelfen. Es bündelt Forderungen zu psychischer Gesundheit an die Adresse von Berufspersonen, Entscheidungsträgern und Politik. Zudem zielt es darauf ab, einerseits die persönlichen Ressourcen der einzelnen Menschen zu stärken und andererseits die Lebensbedingungen im Sinne der psychischen Gesundheit positiv zu beeinflussen. Das Manifest formuliert Handlungsansätze in den Bereichen Sensibilisierung, Gesundheitsförderung, Prävention, Behandlung und Unterstützung von Betroffenen, (Re-)Integration und Selbsthilfe. Gegen neunzig nationale, kantonale und private Organisationen aus dem Gesundheits- und Bildungswesen sowie aus der Gesundheitspolitik, von der Akademischen Fachgesellschaft Psychiatrische Pflege über CareLink und die Dargebotene Hand bis zum Departement Gesundheit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, sie alle unterstützen das «Schweizer Manifest für Public Mental Health».


Messen wir in der Schweiz der psychischen Gesundheit tatsächlich noch zu wenig Bedeutung bei?
Ursula Zybach:
Das Thema der psychischen Gesundheit fristet in der Schweiz immer noch ein Schattendasein. Psychische Erkrankungen werden oft verharmlost oder nicht ernst genommen. Jede zweite, in der Schweiz wohnhafte Person ist gemäss Schätzungen mindestens einmal im Leben von einer psychischen Störung betroffen. Das Spektrum reicht von vorübergehenden depressiven Verstimmungen von wenigen Tagen bis hin zum Suizid, von einmaligen Panikattacken bis zum Verlust der Arbeitsfähigkeit. Insgesamt verursachen psychische Störungen und Erkrankungen volkswirtschaftliche Kosten von schätzungsweise elf Milliarden Franken pro Jahr – Tendenz steigend. Trotzdem werden psychische Erkrankungen in Gesellschaft und Politik immer noch weniger ernst genommen als andere Krankheiten, und Betroffene werden zum Teil diskriminiert.


Gemäss Einleitung zum Manifest richtet es sich an «Berufstätige in den relevanten Aufgabenfeldern der Gesundheitsförderung, Prävention, Behandlung und (Re-)Integration sowie an die privaten wie auch die öffentlichen Entscheidungsträgerinnen und -träger». Wie ist deren Reaktion darauf?
Ursula Zybach:
Das Manifest ist in einem breiten partizipativen Prozess entstanden. Dies hat dazu geführt, dass sich schon im Vorfeld der Konferenz viele Mitarbeitende ganz unterschiedlicher Organisationen mit dem Thema der psychischen Gesundheit auseinander gesetzt und so auch ihr Netzwerk gestärkt haben. Wir haben in den vergangenen Monaten zahlreiche Anfragen zum Manifest erhalten und freuen uns, dass es so viele Organisationen unterstützen wollen. Das heisst gleichzeitig, dass sich ein noch viel grösserer Kreis von Fachpersonen mit der Thematik auseinander setzt. Weitere Interessierte können das Manifest ebenfalls unterstützen, die elektronische Version des Manifests wird regelmässig aktualisiert.


Wie stellt sich das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zum «Schweizer Manifest für Public Mental Health»?
Ursula Zybach:
An unserer Konferenz sass Stephan Spycher als Vertreter des BAG auf dem Podium. Er fand das Manifest noch etwas zu brav. Wir werden deshalb noch knappere und kühnere Forderungen stellen, die wir dem BAG zukommen lassen werden.


CareLink unterstützt das «Schweizer Manifest für Public Mental Health», das Sie im Wortlaut im Anhang finden. Zudem ist CareLink Mitglied des Netzwerks Psychische Gesundheit Schweiz. Dessen Netzwerktagung hat mit der «Swiss Public Health Conference» stattgefunden, an der das «Schweizer Manifest für Public Mental Health» lanciert wurde.

Ich bin resilient – also bin ich stark

Interview mit Prof. Dr. Ulrike Ehlert
Quelle: CareNews September 2014

Was ist Resilienz? Einfach Widerstandskraft gegenüber schwierigen Umständen? Wie lässt sie sich feststellen? Wie kultivieren? Prof. Dr. Ulrike Ehlert vom Psychologischen Institut der Universität Zürich hat darüber an der Freiwilligentagung vom 21. Juni gesprochen und gibt im Interview weitere Auskünfte.

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Frau Ehlert, der Begriff der Resilienz ist in den fünfziger Jahren von Jack Block in die Psychologie eingeführt worden. Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, die psychische Gesundheit selbst unter widrigen Umständen zu bewahren. In letzter Zeit scheinen die Medien das Thema der Resilienz immer häufiger aufzugreifen. Eine Modeerscheinung?
Ulrike Ehlert: Ja, Resilienz ist ein Begriff, der gegenwärtig vermehrt thematisiert wird. Ich halte es nicht unbedingt für eine Modeerscheinung, sondern vielmehr für ein Zeichen des Umdenkens bezüglich der Fähigkeiten von Menschen. Nach Jahrzehnten der Fokussierung auf menschliche Fehlanpassungen geht es nun vermehrt darum, zu schauen, welche Stärken Menschen haben oder entwickeln, um trotz unterschiedlichster Belastungen gesund zu bleiben.

Was kann ich persönlich tun, um resilient zu werden?
Ulrike Ehlert: Resilienz ist nichts anderes als ein erfolgreicher Umgang mit belastenden Situationen wie Misserfolgen, Unfällen, Notsituationen, traumatischen Erfahrungen oder Risikosituationen. Resiliente Menschen sind in der Lage, schwierige Umstände und die damit verbundenen Emotionen zu akzeptieren. Sie verfügen über eine erfolgreiche Stressbewältigungsstrategie – auch Coping genannt – und können einen wirksamen Abwehrmechanismus aktivieren.

Resilienz ist also ein anderes Wort für den erfolgreichen Umgang mit negativem Stress?
Ulrike Ehlert: Ja, absolut. Stress ist allerdings ein Modewort geworden. Jeder und jede ist «gestresst» oder hat «Stress». In der Resilienz-Forschung hingegen ist Stress eine körperliche Reaktion auf ein spezifisches Ereignis, und diese Reaktion ist messbar: Das einschneidende Erlebnis setzt Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol frei. Der Körper reagiert in der Folge anders als in gewöhnlichen Situationen. In der Resilienz-Forschung geht es darum, solche Reaktionen zu messen und anschliessend auf Grund der Geschichte der Testperson zu eruieren, inwiefern sie resilient reagiert.

Um die Reaktionen des Körpers auf Stress genau und vergleichbar zu analysieren, müsste Stress im Labor ausgelöst werden können. Ist das möglich?
Ulrike Ehlert: Ja, das ist möglich. Wir verfügen über einen standardisierten Stresstest, den so genannten Trier Social Stress Test (TSST). Dabei müssen die Testpersonen – nach einer ganz kurzen Vorbereitung – eine achtminütige Rede halten. Sobald sie unsicher werden oder abschweifen, fordern die beobachtenden Personen roboterähnlich zum Weiterreden auf. Das setzt die Testpersonen unter Stress, sie produzieren messbar das Hormon Cortisol. Im Anschluss werden die Testpersonen gebeten, fünf Minuten lang zu rechnen. Bei jedem Fehler sagen die beobachtenden Personen mit unbewegter Miene «falsch», und die Testpersonen müssen die Rechnung wiederholen. Auch hier wird die Cortisol-Freisetzung gemessen.

Geht man davon aus, dass die Erfahrungen, die einzelne Menschen gemacht haben, einen Einfluss auf ihre Resilienz haben, so müssten sich, je nach Berufsgruppe, unterschiedliche Resultate ergeben.
Ulrike Ehlert: Genau so ist es. Wir haben an der Universität Zürich solche Untersuchungen durchgeführt. Als Berufsgruppen wählten wir Schweizer Bergführer, Mitarbeitende der Rega, die Feuerwehr von Wales, die Kantonspolizei St. Gallen und die Feuerwehr von Rheinland-Pfalz. Dabei waren die Bergführer am stressresistentesten. Wie widerstandsfähig eine Person ist, hat sehr viel mit ihrer Einstellung zu tun. Je stärker sie das Gefühl hat, etwas bewirken zu können, umso höher ist ihre Stressresistenz. Das erklärt vielleicht, weshalb Bergführer, die immer wieder Entscheide treffen müssen, um Risiken auszuweichen, stressresistenter sind als andere Berufsgruppen. Um solche Ergebnisse zu erhärten, müssen auch genetische Besonderheiten der untersuchten Personen berücksichtigt werden. Derartige Blutanalysen werden erst seit kurzem durchgeführt. Wir konnten noch nicht auf solche Messwerte zurückgreifen.

Gibt es weitere, für resiliente Menschen typische Merkmale?
Ulrike Ehlert: Resiliente Menschen versuchen, Belastungssituationen einen Sinn zu geben. Sie strukturieren die Ereignisse, suchen Erklärungen, haben Vertrauen, eine Situation zu bewältigen, und sind bereit, sich zu engagieren, die Herausforderung anzunehmen. In der Wissenschaft bezeichnen wir dieses Verhalten als Kohärenzsinn. Dieser Kohärenzsinn erklärt auch, warum Menschen Traumata als Folge von Naturereignissen wie Erdbeben oder Überflutungen besser bewältigen als etwa Traumata nach Amokläufen oder Tötungsdelikten: Sie sehen eher einen Sinn beziehungsweise können Naturereignisse eher hinnehmen als von Menschenhand verübte Verbrechen.

Sind Menschen mit positiver Grundeinstellung stressresistenter?
Ulrike Ehlert: Ja, durchaus. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass hedonistisch veranlagte, also genussorientierte Menschen grundsätzlich stressresistenter sind. Sie schütten im Stresstest – ebenso wie optimistische Personen – weniger Cortisol aus.

Zusammenfassend: Welches sind die wichtigsten Elemente, die die Stressverarbeitung beeinflussen?
Ulrike Ehlert: Aus meiner Sicht sind das, neben anderen, die wichtigsten Elemente:

  • die Einschätzung der Situation und das Gefühl, darauf reagieren zu können
  • die Erfahrungen aus vorangegangenen Belastungen und die daraus erlernten Abwehr- und Bewältigungsmechanismen
  • Optimismus
  • die hedonistische Emotionsregulation: Lust und Freude statt Schmerz und Leid
  • der Kohärenzsinn: die Fähigkeit, ein Ereignis zu akzeptieren und als bewältigbar zu bewerten

Auch die soziale Unterstützung, die ein Mensch erfährt, hilft ihm, Stresssituationen erfolgreich zu bewältigen. Und nicht zuletzt kann er sich gesund ernähren, um Stress besser gewachsen zu sein. Indem sich der Mensch auf seine Stärken konzentriert und aus Erfahrungen lernt, tut er auf jeden Fall viel für seine seelische Gesundheit und Widerstandskraft.

Notfallpsychologie hilft, Tritt zu fassen

Interview mit Barbara Fehlbaum
Quelle: Carenews September 2013

Zu jedem Care Team, das CareLink zusammenstellt, gehört in der Regel eine Notfallpsychologin oder ein Notfallpsychologe. Doch was unterscheidet Notfallpsychologie von Psychologie? Wer kann sich in Notfallpsychologie weiterbilden lassen? Barbara Fehlbaum hat die Antworten. Sie sorgt bei CareLink für die psychologische Fachunterstützung.

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Nach einem gravierenden Ereignis werden Betroffene in der Akutphase notfallpsychologisch betreut. Frau Fehlbaum, welches sind die spezifischen Aufgaben eines Notfallpsychologen?
Barbara Fehlbaum:
Der Notfallpsychologe führt Gruppengespräche und Einzelgespräche mit den Betroffenen. Im Zentrum der Gruppengespräche steht oft die „Normalisierung“ von Reaktionen auf ein schwer wiegendes Ereignis: Der Notfallpsychologe kann erklären, dass selbst heftige körperliche und emotionale Reaktionen unter den gegebenen Umständen normal sind. So kann er den Betroffenen helfen, damit umzugehen und wieder Tritt zu fassen. Um den Notfallpsychologen zu unterstützen, entsendet CareLink je nach Ereignis Caregivers und Teamleader.

Die Einzelgespräche konzentrieren sich auf die individuellen Verarbeitungsmuster der betroffenen Person. Konkrete Interventionen unterstützen sie darin, so bald wie möglich die psychische Stabilität wiederzugewinnen, damit sie den Alltag wieder bewältigen kann. Mit diesen gezielten Massnahmen kann der Notfallpsychologe Folgestörungen verhindern oder zumindest einschränken.

Wirkt der von CareLink aufgebotene Notfallpsychologe bei Bedarf über die Akutphase hinaus?
Barbara Fehlbaum: Er steht Betroffenen bis zum Abschluss eines Careteam-Einsatzes zur Verfügung, also in der Regel für einige Tage. Während der Dauer des Einsatzes ist er jederzeit erreichbar, etwa um Fragen zu beantworten, Unsicherheiten abzubauen oder auch Angehörige von Betroffenen zu unterstützen. Wenn nötig leitet der Notfallpsychologe weiterführende Massnahmen ein und stellt zum Beispiel den Kontakt zur Opferhilfe oder zu einem Traumatherapeuten her.

Zusätzlich unterstützt der Notfallpsychologe die Führung des vom Ereignis betroffenen Unternehmens mit fachspezifischen Informationen. Er kann auch eine Vermittlerposition einnehmen zwischen betroffenen Personen und betroffenem Unternehmen.

Warum arbeitet CareLink in erster Linie mit ausgebildeten und zertifizierten Notfallpsychologen?
Barbara Fehlbaum:
Nach Abschluss ihres Studiums können sich Psychologinnen und Psychologen auf verschiedene Fachrichtungen spezialisieren, so etwa auf klinische Psychologie, Rechtspsychologie, Kinder-und Jugendpsychologie, forensische Psychologie, Neuropsychologie oder eben Notfallpsychologie.

Die Notfallpsychologie leistet Menschen nach psychisch belastenden Ereignissen psychologische Soforthilfe. Bei einem Einsatz gehen wir von psychisch gesunden Menschen aus, die auf das Ereignis heftig reagieren. Ihre psychische Stabilität kann durch das Erlebte aber akut gefährdet sein oder gar zusammenbrechen. Spezifisch notfallpsychologische Massnahmen und Interventionen führen die allermeisten Betroffenen innerhalb relativ kurzer Zeit wieder in die Autonomie und Eigenverantwortung des täglichen Lebens zurück und verhindern damit Folgestörungen wie zum Beispiel posttraumatische Belastungsstörungen. Die Fachwelt benützt dafür häufig auch den englischen Begriff „Posttraumatic Stress Disorder“, abgekürzt PTSD.

In der therapeutischen Situation, in der eine Person wegen einer länger anhaltenden persönlichen Krise oder einer psychischen Störung psychologische Unterstützung in Anspruch nimmt, werden andere Massnahmen angewandt. Diese würden in einer Notsituation nicht greifen. Die notfallpsychologische Fortbildung ermöglicht dem Psychologen, die spezifischen Massnahmen und Interventionen einzuleiten, die ein Notfall erfordert. Trotzdem ist ein vorgängiger Abschluss in Psychologie einer Universität oder Fachhochschule elementar, um eventuelle Vorbelastungen und Störungen zu erkennen, diese richtig einzuschätzen und entsprechend in die Interventionen einzubeziehen.

In der Westschweiz arbeitet CareLink sowohl mit zertifizierten Notfallpsychologen also auch mit Psychologen, die ausgewiesene praktische Erfahrung in Notfallpsychologie haben. Woher rühren diese erweiterten Bedingungen?
Barbara Fehlbaum:
In der Westschweiz ist das Weiterbildungsangebot für Notfallpsychologie relativ neu. Die „Formation des Associations Romandes et Tessinoise des Psychologues“ (FARP) bietet erst seit November 2008 einen Kursus an, der von der Föderation Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) und vom  Nationalen Netzwerk Psychologische Nothilfe (NNPN) anerkannt ist. Deshalb haben sich noch nicht sehr viele Psychologen spezifisch in Notfallpsychologie weitergebildet. Das bedeutet aber nicht, dass sie keine Erfahrung darin hätten.

Wer bietet die Weiterbildung in Notfallpsychologie in der Deutschschweiz an?
Barbara Fehlbaum:
In der Deutschschweiz bilden zwei Organisationen Psychologinnen und Psychologen in Notfallpsychologie weiter: der Schweizerische Berufsverband für angewandte Psychologie (SBAP) und der Verein notfallpyschologie.ch, ein von der Föderation Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) anerkannter Gliedverband.

Die Fortbildungsgänge basieren auf praktischen und wissenschaftlichen Grundlagen. Angestrebt werden zurzeit ein gemeinsamer Ausbildungsstandard und die Qualitätssicherung aller in der Schweiz tätigen Notfallpsychologinnen und -psychologen. Bereits heute entsprechen beide weiterführenden Studiengänge den Vorgaben des vom Bundesrat initiierten Nationalen Netzwerkes Psychologische Nothilfe (NNPN). Die Fortbildung führt bei deren Abschluss und bei Erfüllen der zusätzlichen Kriterien des NNPN zum Zertifikat „Fachperson psychologische Nothilfe NNPN“. Die Weiterbildung in Notfallpsychologie ist berufsbegleitend und umfasst verschiedene theoretische Module, Übungen, Praxiserfahrung und Supervision.

Welches sind die vom Nationalen Netzwerk Psychologische Nothilfe (NNPN) definierten zusätzlichen Kriterien, die ein Notfallpsychologe für seine Zertifizierung erfüllen muss?
Barbara Fehlbaum:
Personen, die in einer vom NNPN akzeptierten und zertifizierten Ausbildungsinstitution die notfallpsychologische Fortbildung abgeschlossen haben, können ein NNPN-Zertifikat anfordern. Grundvoraussetzung sind ein Master-Abschluss in Psychologie an einer Universität oder einer Hochschule, der Nachweis von mindestens dreijähriger Berufserfahrung, der Nachweis von mindestens vier Einsätzen als Notfallpsychologe, die mit einem von der NNPN anerkannten Supervisor während mindestens vier Stunden besprochen worden sind, und die dazugehörigen Einsatzberichte.

Aus dem Alltag einer Notfallpsychologin

Ist das noch normal?
Quelle: Carenews März 2013

Wie geht ein Mensch, der einen Überfall erlebt hat, damit um? Sind seine psychischen und physischen Reaktionen trotz extremer Ausprägung normal? „Ja“, sagt Psychologin Heidi Aeschlimann, die als Notfallpsychologin auch CareLink-Einsätze leistet. In der Publikation „Zeitraum“ der Unternehmensberatung Fravi & Fravi beschreibt sie, wie sie zusammen mit einem Überfall-Opfer dessen Ängste abbaut. Oder wie sie den Mitarbeitenden eines Unternehmens hilft, den Suizid eines Kollegen zu bewältigen. Heidi Aeschlimann erlaubt einen behutsam genauen Einblick in ihre Tätigkeit, und CareLink dankt für die Erlaubnis, den Artikel hier zu publizieren.

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Traumatisierte brauchen professionelle Hilfe

Wenn der Schreck nicht weicht
Quelle: Carenews September 2012

Einschneidende, extreme Erlebnisse können traumatisieren. Solche Verletzungen sind zwar von aussen nicht sichtbar, doch sie müssen behandelt werden. Sonst droht die traumatisierte Person in einen Teufelskreis zu geraten. Die Spezialistin Jacqueline Schmid* hat an der Freiwilligentagung von CareLink eindringlich darauf hingewiesen – und an eine spezifische Art von Verantwortung appelliert, die jeder und jede trage.

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Traumatische Erfahrungen sind überwältigend, lebensgefährlich, erschreckend – kurz: Sie sind menschlich nicht verkraftbar, denn sie liegen ausserhalb dessen, was der Mensch sonst kennt. Eine traumatisierte Person ist überzeugt, die Erfahrung nie überwinden zu können, oder sie glaubt, das alles sei ihr gar nicht widerfahren, so schlimm ist es. Das Gehirn verdrängt das Erlebte und splittet es auf, um das Ausmass des Ereignisses nicht als Ganzes spüren zu müssen.

Posttraumatische Belastungsreaktion
Probleme in den ersten sechs Monaten nach einem traumatischen Ereignis bezeichnen die Fachleute als posttraumatische Belastungsreaktion. Die Persönlichkeit eines Kindes zum Beispiel kann sich verändern. Es wird schreckhaft, reagiert verängstigt, hat Albträume und Schlafstörungen. Nach einem Trauma vermeidet ein Kind alles, was es an das Erlebnis erinnern könnte. In seinen Gedanken und Gefühlen aber durchlebt es immer und immer wieder den Schrecken und die Not. In einer der Ausprägungen der posttraumatischen Belastungsreaktion kann das Kind nicht mehr zwischen der Realität und seinen inneren Bildern unterscheiden. Es hat oft Mühe, sich zu konzentrieren, und seine schulischen Leistungen lassen empfindlich nach. Resultat: Das Kind zieht sich zurück und isoliert sich.

Posttraumatische Belastungsstörung
Wenn die Schreckensbilder im Kopf einer traumatisierten Person nach sechs Monaten nicht abzuklingen beginnen, sondern sich vielmehr noch verstärken, wenn die Person von Gefühlen und von Sinnes- und Körperempfindungen überschwemmt wird und in Gedanken all der Schrecken nach wie vor wiederkehrt, spricht die Fachwelt von einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Das Vermeidungsverhalten nimmt zu, die traumatisierte Person wird empfindungslos, isoliert sich, verfällt in ein immer stärker werdendes Gefühl der Ohnmacht und vergisst einzelne Begebenheiten. Kinder und Jugendliche, die an einer PTBS leiden, sind oft übererregt und übermässig wachsam, viele  schlafen schlecht, können sich schlecht konzentrieren oder klagen über körperliche Schmerzen.

Ausgrenzung und Isolation
Unmittelbar nach einem belastenden Ereignis zeigt das Umfeld Sympathie und Verständnis: Verwandte und Bekannte bieten das Gespräch und Hilfe an. Nach einer gewissen Zeit aber verstehen sie die Reaktionen der traumatisierten Person nicht mehr und beginnen, diese wie auch das traumatisierende Ereignis selber zu verharmlosen. Allmählich machen sich dann Ungeduld und Irritation bemerkbar: „Nun, es ist schon so lange her, vergiss das jetzt doch, wir haben schon so viele Male darüber gesprochen.“ Solche Kommentare sind in dieser Phase nicht selten.

Nochmals später wird an das Schamgefühl appelliert: „Schämst du dich nicht, dich immer zu beklagen? Andere erleben noch viel Schlimmeres und machen nicht so ein Theater.“ Schliesslich wird die betroffene Person ausgegrenzt und grenzt sich selber aus. Sie fühlt sich unverstanden und fragt sich auch, ob sie überhaupt normal ist.

Therapie: je früher, umso besser
Ein nicht behandeltes Trauma kann zu Aggressionen gegenüber der Gesellschaft oder sich selber führen. Deshalb ist es wichtig, vorsichtig mit der Entwicklung der Reaktionen eines traumatisierten Menschen umzugehen. Je früher eine Traumatherapie stattfindet, umso eher lässt sich das Leid der betroffenen Person lindern: Sie muss die verhängnisvolle Entwicklung von Sympathie über Verharmlosung, Ungeduld und Schamappell bis zu Ausgrenzung, Aggressionen und Stigmatisierung nicht erleben. Statt im Trauma zu versinken, kann sie es mit externer Hilfe verarbeiten.

Ablauf in drei Phasen
Eine Traumatherapie beginnt mit der Phase der Stabilisierung. Danach kann sich die betroffene Person der Traumaverarbeitung widmen. In der dritten Phase dann kann sie sich wieder der Zukunft zuwenden. Für jede dieser Phasen stehen verschiedene Techniken zur Verfügung. Therapeutinnen und Therapeuten setzen sie je nach Alter und Eigenheiten der traumatisierten Person ein. Seelisch verletzte Kinder und Jugendliche sind besonders ausgeprägt auf Halt, Wohlwollen und Unterstützung durch ihre sie betreuenden Erwachsenen angewiesen.

Hier ist Schweigen nicht Gold
Wer im Alltag an einem Menschen auffallende und beunruhigende Verhaltensveränderungen feststellt, soll sich vernetzen, sich mit anderen austauschen und die betreffende Person ansprechen. Diese soll wissen, dass sie nicht allein ist und dass ihr geholfen werden kann. In solchen Fällen ist Schweigen nicht Gold! Traumatische Erlebnisse und seelische Verletzungen bleiben oft unsichtbar. Im Gegensatz zu Unfällen, die auch körperliche Verletzungen verursachen, spielen sich andere traumatisierende Ereignisse im Verborgenen ab – Stichwort Misshandlungen oder sexuelle Übergriffe. Jeder und jede trägt deshalb Verantwortung, wenn er oder sie an einer Person auffallende Verhaltensänderungen beobachtet. „ Augen zu“ ist schlicht fehl am Platz.

* Lic. phil. Jacqueline Schmid ist als Psychotherapeutin FSP und als Traumatherapeutin DeGPT auf die traumazentrierte Psychotherapie für Kinder und Jugendliche spezialisiert. Sie hat auch das „Schweizerische Institut für Trauma Therapie SITT“ gegründet. Das Institut vernetzt verschiedene Berufsgruppen, die sich mit Traumata befassen, und bietet ihnen Fortbildung und Supervision, einen Begegnungsort und ein Forum für fachlichen Austausch: www.sitt.ch.

Der tiefere Sinn der Notfallpsychologie

Reflexion von Prof. Dr. Gernot
Quelle: Carenews Dezember 2011

Wer sich nach einem einschneidenden Erlebnis notfallpsychologisch betreuen lässt, handelt weise. Keine Hilfe von aussen zu beanspruchen, zeugt nicht unbedingt von Stärke. Diese Erkenntnis ist historisch gewachsen. Gesundheits- und Notfallpsychologe Prof. Dr. Gernot Brauchle hat die Entwicklung an der CareLink-Fachtagung 2011 eindrücklich aufgezeigt.

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Eine Reise mit der Eisenbahn – das war im 19. Jahrhundert das Erlebnis der reichen Leute. Doch je mehr sich das Eisenbahnnetz entwickelte, umso häufiger kam es zu Zwischenfällen und Katastrophen. Damit nahm sowohl die Zahl schwerer körperlicher Verletzungen und Todesfälle zu als auch die der unfallbedingten psychischen Traumata. Die Eisenbahn-Gesellschaften sahen sich mit Klagen von Opfern und Hinterbliebenen konfrontiert, und die Ärzte gerieten vorerst in den Ruf, Handlanger der Transportunternehmen zu sein, die diese vor hohen Schadenersatzzahlungen schützen würden. Sie waren auf jeden Fall gefordert, Simulanten von tatsächlichen Opfern zu unterscheiden. Die medizinische Wissenschaft, vor allem englische Chirurgen, die in die Behandlung von Überlebenden nach Eisenbahnunfällen eingebunden waren, sahen sich einem neuen, erklärungsbedürftigen Phänomen gegenüber. Unverletzte und physisch gesunde Überlebende zeigten eine Reihe von physischen Beschwerden, die augenscheinlich mit dem Unglück in Verbindung standen. So sahen englische Chirurgen die Ursache in den erheblichen Erschütterungen des Aufpralls beim Unglück und damit verbundenen, nicht sichtbaren Verletzungen am Rückenmark. Die Läsionen des Rückenmarks waren ihrer Meinung nach Auslöser für die späteren psychischen Symptome. Somit erhielt die „neue Erkrankung“ den Namen „Eisenbahn-Rückgrat-Syndrom“.

Das Erlebnis des Horrors – Kriegsneurosen
Die Kriegseuphorie vom August 1914 verlockte Hunderttausende dazu, sich kriegsfreiwillig zu melden. Mit dem angekündigten Krieg verbunden war die Aussicht, ein Abenteuer, Gemeinschaft sowie Weltgeschichte zu erleben. Doch die Wirklichkeit des Kriegs mit den Schrecknissen der schweren Artillerie, des Stellungskampfs, der Granaten, Schrapnells und Maschinengewehre, der Gewalt von Explosionen, zerfetzter und verschütteter Menschen und der ständigen Möglichkeit der eigenen Verletzung und Tötung verübte eine zerstörerische Wirkung auf die Psyche der Kriegsfreiwilligen. Scheinbar ohne körperlichen Befund zeigten „Kriegszitterer“ Lähmungen, Aphasien, Seh- oder Gehörstörungen oder hatten Anfälle von Schmerz und Raserei, für die keine organische Ursache gefunden werden konnte. Die Vorschläge der Psychiater zur Ursache, deren kriegswichtiges Ziel die schnelle Bereitstellung von Kampfkraft war, waren vielfältig. Sie bewegten sich zwischen arglistiger Simulation, hysterischer Übertreibung und Willensschwäche oder minderwertigen Anlagen.

Therapiert wurden diese seelischen Ausfallserscheinungen durch Misshandlung, offene Drohung und mit Hilfe der so genannten „Kaufmannschen Kur“. Dabei wurden unter Zufügung extremer Schmerzen mit einem elektrischen Pinsel jene Körperstellen bestrichen, die Ausfälle aufwiesen. Psychiater leiteten Strom auf erblindete Augen, taube Ohren und gelähmte Glieder, sie spreizten Kehlköpfe und liessen zwangsexerzieren. Der Terror dieser „Kuren“ sollte das Grauen an der Kriegsfront überbieten und die Soldaten zwingen, „in die Gesundheit zu fliehen“.

Ängstliche Soldaten – Angstneurose!
Auch der Vietnamkrieg traumatisierte ungezählte Soldaten. Gegen Kriegsende wurde von politischer Seite versucht, die Symptome unter dem Begriff der „Post Traumatic Anxiety Neurosis“ zusammenzufassen. Doch konnten die schrecklichen psychischen Folgen des Kriegs nicht auf Grund von zu ängstlichen Soldaten – Angstneurotikern – erklärt werden. Auslöser für die psychischen Symptome war die traumatisierende Wirklichkeit des Kriegs selbst, die die Soldaten innerlich zerstörte. Folglich entwickelte sich Anfang der achtziger Jahre die Bezeichnung der „Post Traumatic Stress Disorder“, der posttraumatischen Belastungsstörung. Damit entstanden umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen über akute und andauernde Stressreaktionen wie das Vermeiden von Auslösereizen, beunruhigende Erinnerungen, ein Gefühl der Unwirklichkeit, ein Sich-losgelöst-Fühlen von anderen oder episodisch überflutende Gefühle des Unbehagens.

Die Gesundheit bewahren
Der amerikanische Soziologe Aaron Antonovsky war es, der die Frage, was einen Menschen krank mache, umkehrte und danach suchte, was ihn gesund halte. Mit anderen Worten: Er setzte der Pathogenese die Salutogenese entgegen. Die Gesundheitspsychologie begann damit an Einfluss zu gewinnen, die Prävention wurde zum wichtigen Thema. Indem entsprechend ausgebildete Laien – etwa von Blaulichtorganisationen – psychische Erste Hilfe leisteten, halfen sie nach einem Unglück, die Gesundheit der betroffenen Menschen zu stabilisieren.

Die so verstandene – und heute noch so definierte – Notfallpsychologie verdankt ihren Durchbruch einem Zwischenfall wiederum im Transportbereich: 1993, nach missglückter Landung auf dem Flughafen von Warschau, fing ein Airbus Feuer, zwei Menschen kamen dabei um. Jede der 68 überlebenden Personen wurde darauf umsorgt und erhielt umgehend Bargeld, um sich Kleider zu kaufen und sich mit dem Nötigsten einzudecken. Die verantwortliche Fluggesellschaft unterstützte sie umfassend – und verringerte zugleich die Schadenersatzansprüche, denen sie sich später gegenüber sah.

Strukturen schaffen
Was geht nun eigentlich in einem Menschen nach einem traumatischen Erlebnis vor? Alltägliche Entscheidungen trifft der Mensch weniger rational, als vielmehr emotional. Die innere Welt der Gefühle gibt die Basis, um den Alltag zu meistern. Doch diese innere Welt ist nach einem Trauma kein Richtungsweiser mehr, sondern eine einzige Gefahrenzone. Angst, Hilflosigkeit, Entsetzen – also pathogene Emotionen – machen sich breit. Im Sinne einer Ersten Hilfe steht der Notfallpsychologe oder die Notfallpsychologin der betroffenen Person bei, um diese pathogenen Symptome, die krank machen können, zu vermindern. Die Notfallpsychologie zielt somit darauf ab, Strukturen in das Leben einer betroffenen Person zu bringen und den Eindruck abzubauen, die Situation sei nicht zu bewältigen. Auch eine Aufklärung über unerwartete psychische Reaktionen gehört dazu: Die möglicherweise heftigen Gefühlsregungen einer betroffenen Person sind nichts anderes als eine ganz normale Reaktion auf ein Ereignis, das seinerseits ausserhalb der Norm liegt.

Notfallpsychologische Interventionen sind speziell darauf ausgerichtet, einer betroffenen Person wieder ein Gefühl der persönlichen Bedeutung, Integrität und Würde zu vermitteln und sie dabei zu unterstützen, das Gefühl von Sicherheit, Kontrolle und Vorhersehbarkeit zurückzugewinnen. Während Traumatisierte keine Zukunft mehr sehen, hilft ihnen die Notfallpsychologie geradewegs, eine Strategie für die Zukunft und somit für den Erhalt der Gesundheit zu entwickeln.

* Prof. Dr. Gernot Brauchle ist Gesundheits- und Notfallpsychologe und leitet das Institut für Angewandte Psychologie an der UMIT Tirol, der privaten Universität für Gesundheitswissenschaften sowie für medizinische Informatik und Technik.

Wenn die Seele im Unglück Hilfe braucht

Notfallseelsorge eröffnet die religiös spirituelle Dimension
Quelle: CareNews September 2009

Ein Unglück bringt Not und Schmerz. Notfallseelsorge kann, zusätzlich zu Caregiving und Notfallpsychologie, lindernd und heilend wirken. Die Betreuung erhält damit, je nach Wunsch der Betroffenen, eine weitere Dimension. CareLink zieht dazu Vertreterinnen und Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Schweiz (AG NFS CH) bei. Was ist nun anders, wenn nach einem Ernstfall ein Notfallseelsorger oder eine Notfallseelsorgerin zum Einsatz kommt? Paul Bühler führt im Interview durch ein tiefgründiges Thema. Er präsidiert die AG NFS CH und leitet als Diakon das römisch-katholische Pfarramt im solothurnischen Zuchwil.

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Herr Bühler, was ist Notfallseelsorge überhaupt? Worin unterscheidet sie sich von der Notfallpsychologie oder dem Caregiving?
Paul Bühler: Seelsorge, die Sorge um die Seele, ist genuin ein christlicher Begriff. Notfallseelsorge ist damit schon seit mehr als 2000 Jahren die Aufgabe jeder geistlichen Person: Die Menschen kommen zu ihr, um ihre Nöte vorzubringen und im Gebet Gott vorzutragen. Die Ex-Voto-Bilder, vielfach in Wallfahrtskirchen zu finden, geben davon ein illustres Zeugnis.

Heute haben sich die Seelsorgemethoden allgemein verfeinert und angesichts der heutigen Herausforderungen auch differenziert und damit spezialisiert. So gibt es neben den Allgemeinseelsorgenden in den Pfarreien und Kirchgemeinden auch Spital-, Jugend-, Alters-, Gefängnis-, Armee- und eben Notfallseelsorgende.

Der Mensch steht jedoch immer im Mittelpunkt: Notfallseelsorge will das Wohl des Menschen, der in eine schwierige Situation geraten ist. Sie will Hoffnung und Sicherheit vermitteln. In diesem Grundauftrag und indem sie psychische Erste Hilfe leistet, unterscheidet sich die Notfallseelsorge nicht von der Notfallpsychologie und dem Caregiving. Darüber hinaus vertritt die Notfallseelsorge, unaufdringlich und auch nonverbal, die Kontinuität in der Diskontinuität, die Verbundenheit über zerstörte Bindungen hinweg, die in Gott verwurzelte Hoffnung auf Sinn und Heilung angesichts oft massloser Zerstörung.

Was tut die Notfallseelsorge, wenn Betroffene mit Religion nichts am Hut haben?

Paul Bühler: Grundsätzlich ist die Notfallseelsorge für jeden Menschen da, unabhängig von Religions- und Konfessionszugehörigkeit. Das hat uns Jesus Christus selber vorgemacht – obwohl es seither in der Kirchengeschichte leider oft andere Haltungen gegeben hat.

Heute leben wir in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft. Darum stellen wir uns zuerst als Menschen vor, die sich Zeit nehmen, den Betroffenen beizustehen. Wir drängen uns nicht auf, und auf keinen Fall kommen wir als Missionare. Für uns ist die Ökumene, die Zusammenarbeit unter den christlichen Kirchen, selbstverständlich.

Wenn jemand diesen Beistand explizit ablehnt, dann «klopfen wir den Staub von den Füssen» und gehen weiter. Das kann jedem Caregiver und jeder Notfallpsychologin auch passieren. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die meisten Betroffenen unsere Hilfe dankbar annehmen. Wir sind schon zu Moslems und Hindus gerufen worden, und alle waren offen. Sogar da haben sich schon oft überraschend religiöse Gespräche ergeben.

Wir als Notfallseelsorgende müssen die verschiedenen Religionen kennen und wissen, wie wir uns verhalten sollen. Wir müssen auch die verschiedenen Arten des Umgangs mit Leid und Trauer kennen.

In welcher Phase eines Ereignisses wirkt Notfallseelsorge am stärksten?
Paul Bühler: In der Akutphase unterscheidet sich Notfallseelsorge nur innerlich durch ihren spirituellen Hoffnungshintergrund von Caregiving und der Notfallpsychologie. Unser Vorteil ist, dass wir eine relativ hohe Zeitflexibilität haben und in der ungewohnten seelsorgerlichen Betreuung geübt sind. Wir benötigen zum Beispiel nicht einen speziellen Raum oder unsere eigene Lokalität. Wir bieten kurzfristige Unterstützung in akuten Notsituationen an und kennen die Realität ganzer ins Chaos stürzender Familiensysteme.

In der Stabilisierungsphase können wir Notfallseelsorgenden dann – wenn es gewünscht und angebracht ist – mit einem Ritual innere Sicherheit und Hoffnung vermitteln. Wo objektiv nichts mehr zu machen ist, können wir gemeinsam mit den Hinterbliebenen subjektiv Handelnde bleiben. Der Glaube an eine lebendige Jenseitigkeit nimmt Schmerz und Verzweiflung ernst und bindet sie in einen viel grösseren Lebenshorizont ein. Das tröstet und stabilisiert Menschen, das bewirkt seelische Reifung und fördert den Heilungsprozess. Aus der Dimension letztlich nicht verlorener Existenz heraus können Menschen die Kraft aktivieren, um bei ihren eigenen Ressourcen anzuknüpfen. Was vom Verstand nicht erkannt wird, kann in der Seele spürbar werden.

Die Seelsorge im Allgemeinen hat noch mehr zu bieten: Dank ihrem sozialen Netz und ihren Ritualen kann sie Betroffenen auch in der Verarbeitungsphase weiterhelfen. Notfallseelsorgende können hier die Allgemeinseelsorgenden in den Pfarreien und Kirchgemeinden beratend unterstützen.

Wie werden Notfallseelsorgende auf ihre Aufgabe vorbereitet? Oder «kann man das einfach», wenn «man» Seelsorger ist?
Paul Bühler: Was heisst schon «Seelsorger»! Eigentlich kann sich jeder Mann und jede Frau diese Bezeichnung zulegen, was allerdings den berüchtigten Wildwuchs fördert. Wir setzen voraus, dass Notfallseelsorgende durch die Kirchen vorgeschlagen werden. Sie sollen ein universitäres Theologie-Studium absolviert haben und über Berufserfahrung verfügen. Auch Sozialkompetenz und die entsprechende psychische Belastbarkeit werden natürlich vorausgesetzt. Das alles ergibt einen guten «Rucksack» für die Tätigkeit in der Notfallseelsorge.

Der Glaube als eigene aktive Kraftquelle, spirituelle Kompetenz und eine geklärte Gottesbeziehung sind Grundlage jeden notfallseelsorgerlichen Handelns. Zusätzlich wird von Notfallseelsorgenden psychologische Kompetenz erwartet. Die einen erwerben diese bereits in der Grundausbildung, andere absolvieren Zusatzausbildungen und belegen entsprechende Kurse. Oft und gerne schulen sich Notfallseelsorgende auch zusammen mit anderen Caregivers und mit Notfallpsychologinnen und -psychologen.

Wie ist die Notfallseelsorge ins Nationale Netzwerk Psychologische Nothilfe (NNPN) eingebunden? Ist eine Zertifizierung vorgesehen?
Paul Bühler: Wir, eine Gruppe von Notfallseelsorgenden, haben uns 2002 zur Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Schweiz (AG NFS CH)* zusammengeschlossen. Ein Mitglied unseres Vorstands arbeitet in der Steuerungsgruppe des NNPN mit, ein weiteres in der Zertifizierungskommission. Die Einsatzrichtlinien und Ausbildungsstandards gelten ja für uns alle, und zur Sicherung der Qualität streben wir die Zertifizierung an.

Wir haben noch einen weiten Weg vor uns: Noch nicht alle Kantone haben eine Notfallseelsorge. Für uns als Arbeitsgemeinschaft ist es sehr aufwändig, die oft unterschiedlich denkenden Theologinnen und Theologen sowie die je nach Kanton unterschiedlichen Systeme zu verknüpfen. Zudem müssen wir uns über die Ausbildung einig werden: Wer bildet was wo für wen aus?

Worin unterscheidet sich Betreuung im Alltag von Notfallbetreuung?
Paul Bühler: Die Notfallseelsorge wird in der Regel von den Einsatzkräften, also von der Polizei, der Sanität oder der Feuerwehr, aufgeboten. Ein Unglück, ein Notfall, ein Todesfall zum Beispiel mag den Ausschlag geben. Das sind bereits andere Voraussetzungen als im pfarreilichen Umfeld. Notfallseelsorgende müssen also die Arbeit und Vorgehensweise der Einsatzkräfte kennen, um ihnen und den Betroffenen effektiv dienen zu können. Das führt auch dazu, dass wir uns als Notfallseelsorgende im Kreis der Einsatzkräfte gut akzeptiert und aufgehoben fühlen.

Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass wir es als Notfallseelsorgende meist mit Betroffenen und Orten zu tun haben, die wir nicht kennen. Das hat allerdings auch den Vorteil, dass wir sachlicher auf Betroffene zugehen können. Dann praktizieren wir auch eine Art Triage, indem wir die Betroffenen an die Ortsseelsorgenden, an einen Arzt, eine Psychologin oder gar an die Psychiatrie verweisen.

Die Notfallseelsorge zeichnet sich also durch hohe Professionalität, durch Handlungs- und Konzentrationsdichte sowie durch intensive zeitliche Präsenz aus.

Was braucht es, damit die verschiedenen Betreuungseinheiten aus Psychologie, Seelsorge und Care reibungslos zusammenspielen?
Paul Bühler: Zuerst sollten sich alle Helferinnen und Helfer kennen. Wenn sich die Mitglieder von Krisenstäben zu wenig treffen, empfinde ich das als Manko für die Zusammenarbeit. Dann sollten wir die Spezifikationen voneinander kennen: Was können die Psychologinnen und Psychologen, die Seelsorgenden, die Caregivers je in ihrem Fachgebiet leisten? Was nicht? Gleichzeitig müssen die Fachleute jeder Disziplin in der Lage sein, die Bedürfnisse Betroffener richtig einzuschätzen und adäquat darauf einzugehen. Ein Notfallseelsorger sollte zum Beispiel die Grundsätze der Psychotraumatologie beherrschen, eine Notfallpsychologin die religiös spirituellen Grundlagen. Die psychologischen Fachleute sollten zudem ihr eigenes Gottesbild geklärt haben, um Projektionen zu vermeiden. So können wir Hand in Hand arbeiten und uns gegenseitig ergänzen: je mit unserem eigenen Fachwissen und unserer Erfahrung – aber auch mit unserer Flexibilität und unserer Menschlichkeit.

* Die Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Schweiz (AG NFS CH) versteht sich als Organ der Vernetzung im Bereich der Notfallseelsorge in der Schweiz. Sie fördert die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Kirchen und Religionsgemeinschaften einerseits und mit den Betreuungs-, Einsatz- und Rettungskräften andererseits. Wichtige Themen sind die Profilierung der Notfallseelsorge, die Förderung der Aus- und Weiterbildung und die Definition von Ausbildungsstandards. www.notfallseelsorge.ch

Debriefing

Ein (Mode-)Begriff sorgt für Verwirrung
Quelle: CareNews Dezember 2007

Was ist ein Debriefing und wie unterscheidet es sich von praktischer und emotionaler Betreuung?

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Zuerst einmal geht es darum, den Begriff zu klären: Debriefing stammt vom englischen Begriff Briefing, der ursprünglich eine kurze (engl. brief) Einsatzbesprechung vor einem wichtigen Ereignis bezeichnete. Das Debriefing ist dementsprechend die kurze Nachbesprechung nach einem solchen Ereignis, eine Manöverkritik. „Manöverkritik“ weist auf den Ursprung des Begriffs hin: Briefing und Debriefing entstammen dem militärischen Wortschatz, der auch von Polizei, Rettungs- und Bergungskräften oftmals verwendet wird. Debriefing impliziert gleichzeitig, dass zuvor ein Briefing stattgefunden hat. Davon kann bei einem traumatischen Erlebnis in aller Regel keine Rede sein. Schon deshalb ist er für unsere Belange wenig hilfreich.

Mobilisierung der eigenen Kräfte

Seit einiger Zeit wird der Begriff Debriefing jedoch beinahe inflationär und vor allem auch im Zusammenhang mit der Betroffenenbetreuung nach schwerwiegenden Ereignissen verwendet. Gemeint ist dabei meist eine strukturierte Gruppenbesprechung mit überlebenden Opfern, Hinterbliebenen oder Augenzeugen. Indem dem Erlebten die negative Einmaligkeit genommen wird („anderen geht es ebenso“), sollen bei den Betroffenen Langzeitstörungen vermieden werden. Über Erfolg oder Misserfolg solcher Debriefings können und wollen wir uns nicht äussern. CareLink nutzt diese Technik nur im Zusammenhang mit der Nachbetreuung ihrer eigenen Einsatzkräfte. Wir nennen das allerdings Einsatznachbesprechung, die wir nach Bedarf in getrennten Gruppen führen. Die Mitglieder unseres Careteams betreuen Menschen, die von einem aussergewöhnlichen Ereignis betroffen sind, dagegen stets individuell. Immer mit dem Ziel, deren eigene Kräfte zu mobilisieren. Je nach Bedürfnissen unterstützen sie die Betroffenen emotional und praktisch bei der Bewältigung des Erlebten. Das reicht vom stillen Zuhören über das Vermitteln von Kontakten zu Angehörigen und Behörden bis zur Organisation von Unterkunft und Verpflegung. Nach dem Grundsatz, soviel wie nötig, aber so wenig wie möglich.

Eine Möglichkeit unter vielen

CareLink folgt dabei den Richtlinien des Nationalen Netzwerks Psychologische Nothilfe (www.nnpn.ch), einer ständigen Fachgruppe des Bundes. Als eine der ersten Organisationen sind wir vom NNPN sowohl als Einsatz- wie auch als Ausbildungsorganisation zertifiziert. Apropos psychologische Nothilfe. Vielfach wird Debriefing damit gleichgesetzt. Das greift zu kurz. Unter psychologischer Nothilfe werden alle Massnahmen verstanden, die die psychische Gesundheit von Betroffenen und Einsatzkräften während oder nach einem Ereignis erhalten oder wieder herstellen. Betroffene Personen werden dabei durch ausgebildete Mitglieder von Careteams (Caregivers), Einsatzkräfte durch ausgebildete Mitglieder der jeweiligen Organisation (Peers) bedarfsgerecht betreut. Ist weitergehende individuelle Hilfe angezeigt, wird diese ausschliesslich von Fachpersonen mit notfallpsychologischer Zusatzqualifikation durchgeführt. Das Debriefing wie eingangs beschrieben ist dabei nur eine von vielen möglichen Massnahmen.

Psychologische Nothilfe

Eine Typologie
Quelle: CareNews März 2006

Alle Massnahmen, die geeignet sind, die psychische Gesundheit von Betroffenen nach einem potenziell traumatisierenden Ereignis zu unterstützen, werden unter dem Begriff psychologische Nothilfe zusammengefasst. Abgestuft wird diese in Psychosoziale Nothilfe (Care) und notfallpsychologische Fachhilfe (Notfallpsychologie). Beides sind notwendige Ergänzungen zur medizinischen Nothilfe.

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Nach einem ausserordentlichen, belastenden Ereignis arbeiten Caregiver und Notfallpsychologen bei der Betreuung der Betroffenen eng zusammen. Die Betroffenen und ihr Umfeld sollen unmittelbar nach dem Ereignis mit dem Ziel begleitet und unterstützt werden, ihre Ressourcen zu aktivieren, um die Normalität wiederherzustellen und damit Folgeschäden zu verringern oder zu verhindern. Grundsätzlich gilt dabei für alle Massnahmen: So wenig wie möglich, soviel wie nötig.

Die Gemeinsamkeiten, Zuständigkeiten und Abgrenzung der beiden Bereiche stellen wir im Folgenden als Eskalationsstufen in der Betreuung dar:

Eskalationsstufen 1-2

Psychosoziale Nothilfe: Care und Psychologisches Krisenmanagement

Caregiver

  • bieten den Betroffenen emotionale und praktische Betreuung an
  • sind in der Lage, auch Betroffene aus anderen Kulturen und fremdsprachige Betroffene zu betreuen
  • können einschätzen, ob eine professionelle Fachhilfe aufgeboten werden muss
  • informieren Betroffene über häufige Symptome nach einem Ereignis
  • betreiben das Betreuungszentrum und vermitteln Informationen
  • organisieren Transporte, Unterkünfte und Verpflegung
  • koordinieren zwischen Betroffenen und dem Krisenstab


Eskalationsstufe 2-3

Notfallpsychologische Fachhilfe: Psychologisches Krisenmanagement und Psychologische Akutinterventionen

Notfallpsychologen

  • entscheiden über den individuellen Betreuungsbedarf
  • führen Akutinterventionen mit Betroffenen durch
  • erkennen besonders gefährdete Personen
  • beraten und unterstützen die Einsatzleitung bei der Erstellung von notfallpsychologischen Einsatzkonzepten
  • führen strukturierte Einzel- und Gruppengespräche
  • erfassen prä- und peritraumatische Risikofaktoren
  • unterstützen Einsatznachgespräche
  • vermitteln im Bedarfsfalle eine weiterführende Fachhilfe


Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Notfallpsychologie dort anfängt, wo die Grenzen von Care erreicht beziehungsweise überschritten werden.

Genügen für einzelnen Personen auch die notfallpsychologischen Akutinterventionen nicht, um in einen geordneten Alltag zurückzufinden, wird nach vier bis sechs Wochen von einer posttraumatischen Belastungsstörung gesprochen. Diese äussert sich unter anderem durch beharrliches Wiedererleben des Ereignisses, durch anhaltendes Vermeidungsverhalten, erhöhte Erregbarkeit und eine allgemeine Einschränkung des sozialen und beruflichen Umfeldes. Während Symptome, die in den ersten Wochen nach einem ausserordentlichen Ereignis in Form von posttraumatischem Belastungsstress auftreten, weitgehend als ‚normal‘ betrachtet werden können, empfiehlt sich bei einer posttraumatischen Belastungsstörung eine Traumatherapie durch Fachspezialisten. Ihr vordringlichstes Ziel ist zu verhindern, dass die posttraumatische Belastungsstörung chronisch wird.

Gemeinsames Verständnis für die psychologische Nothilfe

von Dr. Urs Braun
Quelle: CareNews September 2005

Das Nationale Netzwerk Psychologische Nothilfe (NNPN) hat die Ausbildungsstandards und Einsatzrichtlinien vereinheitlicht. Der Bund und die Kantone sind nun gefordert, sie umzusetzen und damit in Zukunft ein gemeinsames Verständnis und einen gemeinsamen Qualitätsstandard bei der psychologischen Nothilfe sicherzustellen.

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Unter dem Begriff "psychologische Nothilfe" werden alle Massnahmen verstanden, welche die psychische Gesundheit von Betroffenen und Einsatzkräften während oder nach einem Ereignis erhalten oder wieder herstellen. Betroffene Personen – Opfer, Angehörige, Freunde, Arbeitskolleginnen usw. – werden dabei durch ausgebildete Mitglieder von Careteams (Caregivers), Einsatzkräfte durch ausgebildete Mitglieder der jeweiligen Organisation (Peers) bedarfsgerecht betreut. Ist weitergehende individuelle Hilfe notwendig, wird diese ausschliesslich durch Fachpersonen mit notfallpsychologischer Zusatzqualifikation durchgeführt. Bei den Massnahmen der psychologischen Nothilfe wird zwischen Einsätzen vor, während und nach einem Ereignis unterschieden.

Primärprävention
Vor einem Ereignis stehen vorbeugende Massnahmen wie Sensibilisierung, Ausbildung, Stressmanagement oder Mittel- und Einsatzplanung im Vordergrund. 

Sekundärprävention
Während des Ereignisses werden die Betroffenen durch Caregivers betreut, während die Einsatzkräfte selbst durch Peers begleitet werden. Nach dem Einsatz führen die Peers auf freiwilliger Basis strukturierte Gruppengespräche durch. Für die Caregivers und die Peers stehen auch immer Fachpersonen mit notfallpsychologischer Zusatzausbildung bereit, die bei schwierigen Situationen beigezogen werden können. 

Tertiärprävention
Falls notwendig, versuchen die Fachkräfte bei Betroffenen oder Angehörigen der Einsatzkräfte mögliche Folgeschäden mit notfallpsychologischen Massnahmen zu verhindern. Gegebenenfalls werden weitergehende psychotherapeutische Massnahmen empfohlen oder eingeleitet. 

Einsatzrichtlinien

Bis heute sind Ausbildungsstandards und Einsatzrichtlinien der psychologischen Nothilfe je nach Kanton sehr unterschiedlich. Das soll sich in Zukunft ändern. Mit der Vereinheitlichung der Standards und Richtlinien wurde das Nationale Netzwerk Psychologische Nothilfe (NNPN) betraut, eine ständige Fachgruppe des Bundes für die psychologische Nothilfe. Ihr Ziel ist es, bei allen beteiligten Partnern ein gemeinsames Verständnis über den Einsatz zu erreichen. Dazu zählt, die Begriffe an die Sprache der Einsatzkräfte anzupassen, eine einheitliche Sprachregelung aufzubauen, die Zusammenarbeit der Partner mit praktischen Einsätzen zu fördern und durch die Auswertung aktueller Einsätze und Erkenntnisse die fachliche Qualität zu sichern. 

Ausbildungsstandards

Bei den Ausbildungsstandards für Peers, Caregivers, Fachpersonen mit notfallpsychologischer Zusatzqualifikation sowie für die Koordinatoren der psychologischen Nothilfe umschreibt das NNPN die folgende Punkte präzise: Zielsetzungen, Zielpublikum, Voraussetzungen, Ausbildungsziele, methodisch-didaktisches Vorgehen, Lehrmittel, Ausbildungsdauer, Prüfung, Ausweis und Anforderungen an den Ausbildungsanbieter. Das NNPN wird in den nächsten Monaten zudem eine Zertifzierungsstelle aufbauen, bei der sich Ausbildungsinstitutionen, Einsatzorganisationen sowie ausgebildete Caregivers, Peers und Notfallpsychologen zertifizieren lassen können. 

Damit soll die Grundlage geschaffen werden, damit künftig im Bereich der psychologischen Nothilfe in der ganzen Schweiz die qualifizierten Angebote der psychologischen Nothilfe erkannt werden können. All diese Bestrebungen bilden die Grundlage für ein sorgfältiges und ethisch anspruchsvolles Einsatzverhalten. Trotzdem ist grosse Verantwortung gegenüber den Betroffenen, aber auch gegenüber sich selbst bei jedem Einsatz gefordert. Jeder Einsatz muss deshalb auch selbstkritisch hinterfragt werden. 

Weitere Informationen zur psychologischen Nothilfe finden Sie unter www.nnpn.ch 

Autor
Dr. phil. Urs Braun ist Fachpsychologe für Psychotherapie FSP und zertifiziert in Notfallpsychologie FSP. Nach seinem Studium in Zürich und Bern war er vier Jahre Assistent am Lehrstuhl für Klinische Psychologie bei Professor Klaus Grawe in Bern. Darauf folgten sieben Jahre als Psychotherapeut und Leiter Qualitätsmanagement am Psychiatriezentrum Oberwallis. Seit Sommer 2002 ist Urs Braun Leiter Qualitätsmanagement an der Psychiatrischen Klinik Oberwil, der Konkordatsklinik der Kantone Zug, Schwyz und Uri. Urs Braun ist Mitglied der Kommission Fortbildung Notfallpsychologie der FSP und Mitglied im Nationalen Netzwerk Psychologische Nothilfe (NNPN). 

Posttraumatische Belastungsstörung

von dipl. Psychologin FH/SHAP Sara Meyer
Quelle: CareNews Juni 2005

Die Posttraumatische Belastungsstörung hat einen klaren Auslöser: ein belastendes Ereignis oder eine lebensbedrohliche Situation. Mit psychologischer Hilfe können diese traumatischen Erlebnisse verarbeitet werden.

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Stellen Sie sich vor, Sie gehen wie jeden Morgen zur Arbeit. Womöglich fahren Sie mit dem Auto, gehen ein kurzes Stück zu Fuss oder benutzen die öffentlichen Verkehrsmittel. Und dann geschieht etwas Unerwartetes. Etwas Furchtbares. Eine Massenkollision, eine Zugsentgleisung, ein Schusswechsel – und Sie stehen mitten drin. Vielleicht sind Sie sogar verletzt. Würden Sie sich wundern, wenn Sie daraufhin Alpträume hätten, sich nicht mehr konzentrieren könnten oder ständig an diese Szene denken müssten? "Nein", wird wohl die Antwort der meisten Befragten lauten. Denn es ist völlig normal, dass man auf ein solch ungewöhnliches Ereignis stark reagiert. Wenn die Signale der Überforderung jedoch über Wochen und Monate anhalten, schränken Sie die Betroffenen in ihrem Lebensalltag ein. Man spricht dann von einer Posttraumatischen Belastungsstörung.


Reaktion auf ein belastendes Ereignis

Die Posttraumatische Belastungsstörung ist eine verzögerte Reaktion auf ein belastendes oder äusserst bedrohendes Ereignis. Ein wichtiges Erkennungszeichen dieser Störung sind die ständig wiederkehrenden Erinnerungen an die bedrohliche Situation. In der Fachsprache werden diese unkontrolliert auftretenden Gedanken und Erinnerungen "Flash Backs" genannt. Daneben bestehen oft auch Erinnerungslücken, Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsstörungen und Alpträume. Viele Betroffene versuchen deshalb in der Folge Situationen zu vermeiden, die sie an das belastende Ereignis erinnern könnten. Das kann teilweise dazu führen, dass Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung sich nicht mehr mit Freunden verabreden, die Arbeit aufgeben müssen, alle ihre Interessen verlieren und teilnahmslos wirken. Werden diese Symptome nicht früh genug erkannt und behandelt, können sich daraus weiterführende psychische Krankheitsbilder entwickeln wie zum Beispiel Depressionen oder Suchterkrankungen.

Traumatische Erlebnisse verarbeiten

Die psychologische Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung umfasst in der Regel drei Stufen: Die Stabilisierung, die Traumabearbeitung und die Reintegration. Die Betroffenen werden durch das traumatische Ereignis aus der Bahn geworfen. Abhängig von seiner Persönlichkeit, seiner Erfahrungen und seinem Umfeld kann das Trauma einen Menschen enorm destabilisieren. In der Therapie wird die erste Phase daher der Stabilisierung gewidmet. Dazu gehört unter anderem Sicherheit zu gewinnen, Vertrauen zum Therapeuten aufzubauen und eine soziale Unterstützung zu organisieren. Erst wenn die Person gefestigt ist, kann das Trauma mittels psychologischer Techniken bearbeitet werden. Dabei geht es darum, die traumatischen Erlebnisse so zu verarbeiten, dass die Symptome wie Flash Backs und Vermeidungsverhalten wieder verschwinden. Die letzte Phase widmet sich der Reintegration, das heisst, der gezielten Vorbereitung auf den Wiedereinstieg in den normalen Lebensalltag. Die Betroffenen können ihre Arbeit wieder aufnehmen, ihren Hobbies nachgehen und Freunde treffen, ohne von ständigen Ängsten und quälenden Gedanken begleitet zu sein.

Autorin
Sara Meyer (*1974) ist diplomierte Psychologin FH/SBAP. Nach dem Studium der klinischen Psychologie hat sie sich in den Bereichen Notfallpsychologie und Mediation weiterentwickelt. Heute arbeitet Sara Meyer als Leiterin Unternehmenskommunikation und widmet sich daneben der Konfliktlösung in Wirtschaftsunternehmen sowie der medialen Verbreitung psychologischer Erkenntnisse. Sara Meyer ist Vorstandsmitglied im Schweizerischen Berufsverband für Angewandte Psychologie SBAP, www.sbap.ch