Betroffene

Lesen Sie hier verschiedene ausgewählte Fachbeiträge aus den CareNews, dem Newsletter von CareLink, sowie weitere Artikel zum Thema Care, die in anderen Publikationen erschienen sind.

Die Auswahl der Artikel aus anderen Medien erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Deren Inhalt verantworten die Autorinnen und Autoren.

Präventionstrainings beugen Raubüberfällen vor

Frédéric Etter: «Angst in Handlung umsetzen – das kann der Mensch trainieren».
Quelle: CareNews Juni 2016

«Räuber lieben Tankstellen», titelte der Tages-Anzeiger kürzlich auf der Frontseite: 2015 seien allein im Kanton Zürich 16 Tankstellenshops überfallen worden. Derart gefährdete Personen können Raubüberfällen vorbeugen, indem sie das richtige Verhalten trainieren. CareLink hat mit dem ehemaligen Polizisten Frédéric Etter gesprochen. Er hat sich auf solche Trainings spezialisiert.

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Herr Etter, angenommen, ich arbeite in einem Tankstellenshop, der bis in alle Nacht offen ist: Muss ich stets auf der Lauer sein?
Frédéric Etter: Egal wo Sie arbeiten oder wo Sie sich bewegen – Sie sollten grundsätzlich immer wachsam sein.

Muss ich immer gleich aufmerksam sein?
Frédéric Etter: Nein, das müssen Sie nicht. Ein Beispiel: Wenn Sie sich morgens in der Garage ins Auto setzen, sind Sie entspannt. Danach fahren Sie bewusst, aber ruhig durchs Quartier. Für das Einmünden in die belebte Hauptstrasse steigern Sie intuitiv Ihre Aufmerksamkeit, denn Sie wissen um die möglichen Gefahren. Auf der dicht befahrenen Autobahn dann werden Sie noch aufmerksamer, Sie haben die Gefahren um sich herum erkannt. Auch andere Situationen stufen Sie intuitiv nach diesem Muster ein, und entsprechend stellen Sie sich mental darauf ein.

Hat jeder Mensch Intuition?
Frédéric Etter: Ja, die Menschen sind von Natur aus intuitiv. Häufig aber trauen sie ihrer Intuition nicht. Dafür können sie trainieren, wie sie damit umgehen. Sie können lernen, ihre Aufmerksamkeit zu dosieren und sich so zu verhalten, dass es nicht zu einem Raubüberfall kommt.

Kann ich also mit meinem eigenen Verhalten einen Überfall verhindern?
Frédéric Etter: Um das Beispiel Tankstellenshop nochmals aufzugreifen: Sie grüssen jede Person, die den Shop betritt, und senden damit schon einmal das Signal aus „Ich habe Sie gesehen!“. Auch mit Ihrem aufmerksamen Beobachten beugen Sie vor, denn der mögliche Täter realisiert, dass es für sein Vorhaben schwierig werden könnte. Kurz: Mit dem Verhalten, das Sie bewusst an den Tag legen, wirken Sie präventiv. Machen Sie hingegen einen unsicheren Eindruck, so lassen Sie den potenziellen Angreifer spüren, dass er leichtes Spiel haben dürfte. 

Und wenn mich trotz Selbstsicherheit die Angst packt?
Frédéric Etter: Angst schützt uns. Hätten wir keine Angstgefühle, würden wir untergehen. Die Angst ist ein hervorragendes Alarmsystem. Wie ich mit der Angst bewusst und richtig umgehe und wie ich sie in Handlung umsetze, damit sie nicht zum schlechten Ratgeber wird, kann ich trainieren. Das Ziel ist es, die Kontrolle über die Situation zu behalten.

Wie funktioniert dieses Training?

Frédéric Etter: Wenn sich Ihnen ein möglicher Täter nähert, sind die ersten zwei bis fünf Sekunden entscheidend. Da haben Sie keine Zeit mehr, um zu überlegen, was nun zu tun sei. Diesen Ablauf müssen Sie vorher verinnerlicht haben. Er muss in Ihrem Stammhirn abgespeichert und dort sofort abrufbar sein. Darum macht die so genannte Drill-Phase etwa zwei Drittel unserer Ausbildung aus: Die Teilnehmenden setzen sich gespielten, aber realistischen Überfallsituationen aus und lassen sich bis zu 30 Mal drillen, wie sie sich zu bewegen, sich zu schützen und eine Kommunikation mit dem potenziellen Täter in Gang zu setzen haben. Wenn Sie im Verkauf oder am Schalter einer Bank arbeiten, befähigt Sie dieser Drill, unter Stress vorbeugend zu handeln.

Das vollständige Interview mit Frédéric Etter finden Sie im CareLink-Jahresbericht 2015, Seiten 7-9. Dort schildert er auch, wie ein potenzieller Täter in der Regel auf ein im Voraus trainiertes Verhalten des Verkaufspersonals reagiert. Und er betont, dass die Prävention eines Raubüberfalls nicht mit Verteidigung zu verwechseln ist.

Lesen Sie den CareLink-Jahresbericht 2015 mit dem Schwerpunkt-Thema Notfallübungen online oder bestellen Sie Ihr persönliches Exemplar bei info@carelink.ch.

«Die Betreuung wird einfacher, aber nicht überflüssig.»

Wenn sich ein Raubüberfall trotz Präventionstraining nicht vermeiden lässt
Quelle: CareNews Juni 2016

Der Schock nach einem Raubüberfall kann tief sitzen. Die Notfallpsychologie hilft, ihn zu überwinden. Der Weg zurück in die Normalität fällt jedoch leichter, wenn die überfallene Person früher ein Präventionstraining absolviert hat. CareLink-Psychologin Barbara Fehlbaum erklärt.

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Auf ein ausserordentliches Ereignis kann sich der Mensch vorbereiten. Der Feuerwehrmann zum Beispiel trainiert, wie er sich verhalten muss, um Leben zu retten und Brände zu bekämpfen, ohne sich selbst zu gefährden. Und so kann sich ein Verkäufer in einem Tankstellenshop oder eine Angestellte am Bankschalter im Voraus mit der Situation eines Raubüberfalls befassen. Solche Präventionstrainings geben Mittel in die Hand, um sich zu schützen und die eigene psychische Widerstandskraft, die Resilienz, zu stärken.

Resilienz hat mit Selbstführung zu tun, mit dem Bewusstsein um die Wirksamkeit des eigenen Handelns. Nennen wir es realistischen Optimismus: Ja, es kann mir etwas zustossen, aber ich verfüge über die Mittel, um Schlimmeres zu verhindern, und ich bin imstande, den Raubüberfall zu überstehen und darüber hinwegzukommen. Präventionstrainings geben die Gewissheit: Ich bin nicht hilflos, ich bin fähig, mein Schicksal mindestens so weit zu beeinflussen, dass ich nach dem Überfall nicht in der Opferrolle verharre. Werde ich aber völlig überrascht und weiss nicht, wie ich reagieren soll, fängt das Hirn an zu drehen und dreht und dreht, findet jedoch keine Antwort, weil es zuvor keine entwickelt und abgespeichert hat. Im Extremfall schaltet es das geordnete Denken ab.

Die positive Grundhaltung hilft, einen Raubüberfall im Rückblick einzuordnen. Als betroffene, aber trainierte Person kann ich dessen Ablauf rekapitulieren, ihn in mein Leben integrieren und schneller in den Alltag zurückfinden. Ich kann verhindern, dass der Täter oder die Täterin Macht über mein zukünftiges Leben hat. Deshalb wird auch die notfallpsychologische Betreuung, wenn auch nicht überflüssig, so doch einfacher. Die Betreuung ermöglicht nicht zuletzt auch Anerkennung: Ja, da ist ein grundsätzlich gesunder Mensch kräftig durchgeschüttelt worden. Er ist Opfer einer Straftat geworden, aber er wird sich, notfallpsychologisch unterstützt, von dem schockierenden Erlebnis erholen. Er kann mit dem Erlebten besser umgehen.

Der Artikel von Barbara Fehlbaum ist in ausführlicher Version im CareLink-Jahresberich online (Seiten 10-11) zu lesen oder bestellen Sie Ihr persönliches Exemplar bei info@carelink.ch.

Wenn man es alleine nicht mehr schafft

CareLink hilft Helsana-Krankenversicherten weiter
Quelle: CareNews März 2016

Kann sein, dass jemand nach einem belastenden Erlebnis nicht mehr weiterweiss. Helsana hat dafür eigens eine Telefonnummer eingerichtet, welche die Versicherten wählen können. Die psychologische Soforthilfe kommt dann innert 24 Stunden von CareLink: Die in Notfallpsychologie ausgebildete Annette Höckel ist dafür verantwortlich, seit Helsana und CareLink 2007 die Zusammenarbeit gestartet haben. Sie berät Betroffene persönlich am Telefon oder vermittelt eine geeignete Fachperson, die anruft. In der März-Ausgabe des Helsana-Kundenmagazins Senso berichtet Annette Höckel von ihrer Arbeit.

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Dem Burnout aktiv und bewusst vorbeugen – auch in der Führung

Erfolg ist etwas anderes, als viele meinen
Quelle: CareNews März 2015

Und plötzlich ging nichts mehr: Burnout! Der Begriff ist in aller Munde und häufig mit falschen Vorstellungen und Interpretationen belegt – ebenso wie der Begriff des Erfolgs. Daran und an einer wirksamen Burnout-Prophylaxe gilt es zu arbeiten. Führungskräfte spielen dabei eine wichtige Rolle.

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Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert in der «Internationalen Klassifikation der Erkrankungen» Burnout als «Ausgebranntsein» und als «Zustand der totalen Erschöpfung». Gemäss dieser Klassifikation gilt Burnout nicht als eigenständige Krankheit, aber als Zusatzcodierung zur ärztlichen Diagnose: Der Zustand kann Krankheiten auslösen.

Ist die Zunahme von Burnout-Fällen nun ein Ausdruck unserer Zivilisation oder der zunehmenden Sensibilisierung der Ärzte? Wahrscheinlich beides. Tatsache ist, dass die Anforderungen an Mitarbeitende im globalen Markt zunehmen. Der Druck am Arbeitsplatz steigt stetig, viele sind ununterbrochen online und können kaum noch abschalten. Dabei ist genau dieses Abschalten eine wichtige Voraussetzung, um sich zu erholen und sich vor dem Ausbrennen zu schützen. Mochte sich das Burnout ursprünglich auf Menschen in sozialen Berufen konzentrieren, die oft mit negativen und belastenden Emotionen umgehen müssen, so häufen sich die Burnout-Fälle heute genauso in der Wirtschaft.

Wie definiert sich Erfolg?

Tatsache ist aber auch, dass heute Personen, die immer noch mehr wollen und noch mehr von sich selbst und von anderen verlangen, die zu Gunsten des eigenen und des unternehmerischen Fortschritts stets wacker vorangehen, Symbole für Erfolg sind. Dr. Beate Schulze, Vizepräsidentin des Swiss Expert Network on Burnout und Professorin an der Universität Zürich, hat es kürzlich an einem Vortrag vor Psychologen von CareLink deutlich gemacht: Aussagen wie «er arbeitet praktisch pausenlos», «sie trägt die Verantwortung für 1000 Mitarbeitende», «er arbeitet oft 16 Stunden am Tag», «sie hat unzählige Überstunden», «er gehorcht 34 Auftraggebern» sind in der Regel anerkennend gemeint. An krankhaftes Verhalten denken die wenigsten. Doch genau ein solcher Lebensstil, so Beate Schulze, könne dazu führen, dass irgendwann der Tank leer sei und die Energie nicht mehr ausreiche, um den Alltag zu meistern. Dann könnten die Betroffenen zwar noch Vollgas geben, aber sie kämen nicht mehr vom Fleck.

Die Symptome erkennen

Ein Burnout stellt sich nicht von einem Tag auf den anderen oder gar von einer Sekunde auf die andere ein. Es kündigt sich in verschiedenen Phasen an, nur verschliessen viele vor diesen Anzeichen die Augen.

  • Erste Warnzeichen: Gesteigerter Einsatz, mehr Überstunden, Erschöpfung oder vegetative Überreaktionen
  • Reduziertes Engagement: verminderte soziale Interaktion, negative Einstellung zur Arbeit, Konzentration auf eigenen Nutzen
  • Emotionale Reaktionen: Insuffizienzgefühle, Pessimismus, Leere, Hoffnungslosigkeit, Energiemangel, Gefühl von Hilflosigkeit, Schuldzuschreibung an andere bzw. «das System»
  • Abnahme von kognitiven Fähigkeiten: mangelnde Motivation, Kreativität und Differenzierungsfähigkeit
  • Abflachung des emotionalen und sozialen Lebens
  • Psychosomatische Reaktionen: Verspannungen, Schmerzen, Schlafstörungen, keine Erholung in der Freizeit mehr möglich, veränderte Essgewohnheiten, Zehren von der eigenen Substanz
  • Depression und Verzweiflung: Gefühl von Sinnlosigkeit, negative Lebenseinstellung, existenzielle Verzweiflung, Suizidgedanken oder -absichten

Quelle: Dr. B. Schulze, 2014, gemäss Burisch 2005, Shirom & Melamed, 2005

Ein Burnout ist somit eine Etappe in einem Prozess, und dieser geht über das Ausgebranntsein hinaus: Aus Stress wird ein Burnout, und dieses führt zu einer depressiven Verstimmung, aus der sich eine klinische Depression entwickeln kann.

Prädisponiert für ein Burnout?

Gemäss Beate Schulze haben diverse Studien gezeigt, dass Persönlichkeit und Umfeld eine Prädisposition für ein Burnout schaffen können:

Auf Ebene Persönlichkeit:

  • Hoher Leistungsanspruch an sich selbst
  • Hohes Pflichtbewusstsein
  • Starke Versagensängste
  • Perfektionismus
  • Unrealistische Erwartungen
  • Überidentifizierung mit der Arbeit
  • Misstrauen gegenüber andere Menschen
  • Selbstüberschätzung
  • Nicht Nein sagen können
  • Ignorieren physischer und psychischer Warnsignale

Auf Ebene Umfeld:

  • Grosse Arbeitsmenge
  • Hoher Termindruck
  • Mangelnde Ressourcen
  • Mangelnde Selbstbestimmung / fehlender Handlungsspielraum
  • Häufiger, intensiver Kundenkontakt
  • Fehlende Anerkennung
  • Schlechte Teamarbeit
  • Konflikte
  • Angst vor (Arbeits-)Verlust

Die Aufzählungen sind zwar nicht erschöpfend, sie zeigen aber, dass ein Burnout nicht nur Manager oder Berufstätige treffen kann, sondern auch Arbeitslose, Hausfrauen, Mütter und Väter, Pensionierte, junge Menschen in Ausbildung.

Burnout-Prävention ist Führungsaufgabe!
Vorgesetzte spielen eine wichtige Rolle in der Burnout-Prävention und müssen, so Beate Schulzes Folgerung und Forderung, entsprechend ausgebildet werden. Eine gute Führung hält gesund und macht gesund! Besonders wichtig ist Anerkennung: Studien haben ergeben, dass gerade fehlende Anerkennung die Entwicklung eines Burnouts fördert. Vorgesetzte haben es in der Hand, Arbeit so zu gestalten, dass sie die Mitarbeitenden als positive, stimulierende Herausforderungen erleben. Vorgesetzte sollten sich, so Beate Schulze, auch mit der Persönlichkeit der Mitarbeitenden auseinander setzen und bei überhöhtem, gesundheitsgefährdendem Engagement Grenzen setzen. Sowohl Vorgesetzte als auch Mitarbeitende müssten lernen, zu erkennen, wann und was «genug ist». Entscheidend dabei ist, dass Vorgesetzte ihre Erwartungen klar und deutlich kommunizieren, denn vielfach erwachsen Stress und Überforderung auf Mitarbeitendenseite aus übersteigerten Vorstellungen, was die Leistungsansprüche der Führung betrifft, und gleichzeitig aus exzessiven Anforderungen an sich selbst. Oder anders ausgedrückt: Burnout-Prophylaxe braucht das Zusammenspiel von persönlichem Ressourcenmanagement und guter Führung.

Wenn Opfer von der Polizei befragt werden

… und welche Aufgabe sich für CareLink damit verbindet
Quelle: CareNews Juni 2104

Es sind nicht wenige Einsätze, bei denen CareLink Opfer von Straftaten betreut. Franziska Schubiger, stellvertretende Dienstchefin Sexualdelikte / Kindesschutz der Kantonspolizei Zürich, hat an der Freiwilligentagung vom 21. Juni 2014 über die Arbeit und die Zusammenarbeit referiert.

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Ein weites und schwieriges Feld, in dem der Dienst Sexualdelikte / Kindesschutz der Kantonspolizei Zürich agiert: Die Fachleute befassen sich mit Sexualdelikten an oder mit Erwachsenen und Kindern sowie mit Pornografie und Gewaltdarstellungen. Sie ermitteln im Internet, in dortigen Chat-Räumen zum Beispiel, befassen sich mit körperlichen Misshandlungen an Kindern und stellen auch Ermittlungen im Zusammenhang mit Menschenhandel an.

Wer ist Opfer?
Franziska Schubiger verweist zuerst auf die in der Schweiz seit 1993 gültigen Opferschutzbestimmungen. Sie sind im Opferhilfegesetz und in der Strafprozessordnung verankert und bauen auf drei Säulen: die Beratung und Unterstützung des Opfers, die Entschädigung und Genugtuung und schliesslich die Besserstellung im Strafverfahren, die sich 1993 mit den neuen Opferschutzrechten ergeben hat: Stand zuvor ausschliesslich die beschuldigte Person im Zentrum, so wird heute dem Opfer Aufmerksamkeit zuteil, die ihm in jeder Hinsicht zu einer Besserstellung verhilft.

Das Gesetz definiert gleich zu Beginn den Begriff des Opfers, damit klar ist, wem die Opferschutzrechte zustehen. „Als Opfer gilt jede Person, die durch eine Straftat in ihrer körperlichen, psychischen oder sexuellen Integrität unmittelbar beeinträchtigt worden ist“, erklärt Franziska Schubiger. Ihre Liste von Straftaten, die zur Anwendung des Opferhilfegesetzes führen können, ist lang – einige Beispiele: Tötung, Körperverletzung, Kindsmisshandlung, Raub, Erpressung, Nötigung, Freiheitsberaubung, Geiselnahme, sexuelle Handlungen mit Kindern oder Abhängigen, sexuelle Belästigung, Vergewaltigung.

Empathie ist wichtig
Nach einer Straftat wird ein Opfer polizeilich befragt, bevor es beispielsweise von CareLink betreut wird. Es kann sich allerdings, je nach Wunsch, während der Befragung von einer Vertrauensperson begleiten lassen. Zugleich setzt die Polizei ihrerseits alles daran, eine Begegnung mit dem Täter zu vermeiden.

„In der ersten Befragung informieren wir das Opfer auch über die Unterstützungsmöglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen“, so Franziska Schubiger. „Wir machen es etwa auf Beratungsstellen aufmerksam und auf verschiedene Hilfeleistungen, die es beanspruchen kann.“ Zudem sprechen wir über die Verfahrensschritte und die Frist von fünf Jahren, innerhalb welcher Gesuche um Entschädigung und Genugtuung eingereicht werden müssen.

Auf einen Punkt weist Franziska Schubiger besonders hin: „Wir begegnen jedem Opfer mit möglichst viel Empathie, Wertschätzung, Ehrlichkeit und Echtheit. Und doch“, fährt sie weiter, „schätzen wir, wenn wir ein Opfer nach unserer Befragung in den Händen zum Beispiel von CareLink wissen. Die Tat zerrt massiv an der psychischen Verfassung des Opfers. Und obwohl wir alles daran setzen, ihm schonend zu begegnen, kann eine Befragung bzw. das ganze Ermittlungsverfahren eine Belastung sein.“ Hier kann CareLink anschliessend Hilfe leisten – damit das Opfer lernt, Geschehenes einzuordnen und in der Erinnerung damit umzugehen.

„Verbitterung kann zur Störung werden.“

Prof. Dr. Hansjörg Znoj an der Psychologie-Weiterbildung von CareLink
Quelle: Carenews Dezember 2013

Jeder Mensch erlebt Kränkungen. Mag sein, dass gerade darum die Verbitterung, die daraus erwachsen kann, noch wenig untersucht ist. Prof. Dr. Hansjörg Znoj, Ausserordentlicher Professor an der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bern, hat dazu geforscht: „Verbitterung kann zur Störung werden.“ An der CareLink-Weiterbildung für Psychologinnen und Psychologen hat er auch darüber gesprochen, wie eine Verbitterungsstörung behandelt werden kann.

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Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist schon länger bekannt: Ein äusserst schmerzliches Erlebnis löst psychische Probleme aus. Vor zehn Jahren nun hat der Berliner Psychiatrieprofessor Michael Linden erstmals die posttraumatische Verbitterungsstörung beschrieben. Deren Abkürzung PTED steht für „Posttraumatic Embitterment Disorder. Herr Znoj, was ist unter einer chronischen Verbitterungsstörung genau zu verstehen?

Prof. Dr. Hansjörg Znoj: Aus einer persönlichen und ungerecht empfundenen Leidensgeschichte kann, als seelisches Produkt, Verbitterung entstehen. Wenn zum Beispiel ein Mann den Job verliert, der ihm alles bedeutet hat, oder wenn eine Frau, die sich für die Familie aufgeopfert hat, vom Mann verlassen wird, kann das, weil es als ungerecht und kränkend empfunden wird, zu Verbitterung führen.

Wie äussert sich Verbitterung?

Prof. Dr. Hansjörg Znoj: Verbitterung verschafft sich Raum einerseits durch Hoffnungslosigkeit, Wut und Aggressivität, andererseits durch die Zuweisung der Ursache an andere Personen oder Umstände. Die persönliche Not wird also, anders als bei einer Depression, nicht auf das eigene Ungenügen zurückgeführt.

Michael Linden soll einmal gesagt haben, wenn er wählen müsste zwischen Depression und Verbitterung, würde er sich für die Depression entscheiden. Verbitterung sei ein ungleich härteres Schicksal. Tatsächlich so schlimm?

Prof. Dr. Hansjörg Znoj: Aus Enttäuschung können Suizidgedanken wachsen, Hass kann zu Menschenverachtung werden. Auch eine rigide moralische Haltung und Vergeltungswünsche können sich heranbilden. Politischer Terrorismus, um das wohl krasseste Beispiel zu nennen, entsteht aus bitteren Herzen und führt zu Hass und Extremismus. Rache kann als Therapie empfunden werden!

Andererseits erlebt doch jeder Mensch in seinem Leben seelische Verletzungen. Entsprechend viele dürften, ohne es so zu benennen, an einer Verbitterungsstörung leiden. Einzelne Quellen gehen von zwei bis drei Prozent der Bevölkerung aus. Ein weit verbreitetes, bisher unerkanntes Krankheitsbild?

Prof. Dr. Hansjörg Znoj: Wir haben an der Universität Bern geforscht und als diagnostisches Instrument das so genannte Berner Verbitterungsinventar, kurz BVI oder BEI für Bern Embitterment Inventory, entwickelt. Aus einer ersten statistischen Analyse haben wir vier Verbitterungsdimensionen herausgeschält: die leistungsbezogene, die emotionale, Pessimismus/Hoffnungslosigkeit und Menschenverachtung.

Verbitterung ist also vermutlich kein eindimensionales Konstrukt, sondern gleicht vielmehr einem „State of Mind“, also einem charakteristischen und möglicherweise andauernden Zustand, der geprägt ist von äusserst starken Emotionen und Kognitionen, die um ein extrem verletzendes, kränkendes Ereignis kreisen. Man müsste hier von einem Zustand sprechen, der wie die klassische Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) geprägt ist von intrusiven Gedanken und Bildern sowie durch ein fortwährendes Ruminieren, also durch ein endloses gedankliches „Wiederkäuen“. Im Gegensatz zur PTBS ist das Erleben aber nicht von Angst und Terror geprägt, sondern durchsetzt von Ärger und Enttäuschung durch mächtige andere. Auslöser dafür sind keine plötzlichen Ereignisse, sondern es ist die Erfahrung, hintergangen worden zu sein, also zum Beispiel trotz äusserster Anstrengung im Beruf die Erfahrung zu machen, dass jemand, der weniger qualifiziert ist, vorgezogen und befördert wird und man selbst um den Arbeitsplatz fürchten muss. Es sind oft Alltagserfahrungen wie diese, die aber durchaus als extrem bedrohlich empfunden werden können.

Mit dem BVI sind diese Zustände messbar geworden. Damit werden wissenschaftliche Untersuchungen möglich, welche die Befindlichkeit nach solchen Erfahrungen verdeutlichen. Dies ist besonders wichtig, weil wir wissen, dass solche Erfahrungen prägen und damit ein Leben in mancher Hinsicht beeinträchtigen können.

Wie lässt sich eine posttraumatische Verbitterungsstörung therapieren bzw. heilen?

Prof. Dr. Hansjörg Znoj: Wer durch ein externes Ereignis verbittert und belastet ist, sucht die Wiedergutmachung, die Kompensation, die Genugtuung, um sich zu erleichtern. Dass ein posttraumatisch verbitterter Mensch von sich aus eine Therapie anfängt, ist deshalb eher selten. Es ist ja nicht er, der das eigene Elend verursacht hat.

Mögliche Therapiekonzepte lehnen sich stark an die psychologische Behandlung einer posttraumatischen Belastungsstörung an. Michael Linden zum Beispiel nennt seine Methode die Weisheitstherapie. Sie löst einen Reifungsprozess aus. In dessen Verlauf lernt die betroffene Person in Rollenspielen die Motivation der anderen, verursachenden Seite kennen, sie lernt auch, Unlösbares zu akzeptieren und zu verzeihen. Eine Therapie kann aber nur lindern, wenn die betroffene Person stark unter ihrer Verbitterung leidet.

Positiver und negativer Stress

Wie unterscheidet sich der eine vom anderen?
Autorin: Sabrina Alberti, Quelle: Carenews Juni 2011

Psychologin Sabrina Alberti beleuchtet im ersten Artikelverschiedene Stresssituationen und definiert positiven und negativen Stress. Im zweiten Artikel analysiert sie Eigenschaften und Auswirkungen zweier Stresstypen und zeigt im dritten schliesslich Wege auf, wie sich negative Belastung abbauen lässt.

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„Ich habe einen derartigen Stress erlebt und geglaubt, ich würde sterben! Uff, jetzt ist es vorbei!“ Haben Sie schon selber so gedacht und gesprochen oder jemanden das sagen hören? Was für Situationen führen zu solchen Reaktionen? Es sind mindestens drei:

  • Der Student, der zum Abschluss des Studiums gerade eine mündliche Prüfung abgelegt hat.
  • Der Automobilist, der knapp einem Unfall entkommen ist, als ihm ein anderer Wagen den Weg abschnitt.
  • Der Angestellte, der seine Stelle aufgegeben hat zu Gunsten einer neuen Position, die seinen Kompetenzen und Fähigkeiten besser entspricht und den Druck auf ein erträgliches Niveau reduziert.

Diese drei Situationen lassen sich so charakterisieren:

  • Die Personen drücken ihre Reaktionen unmittelbar aus, nachdem sie eine Prüfung bestanden haben – ein Examen, eine Schrecksekunde, eine Entscheidung mit Tragweite.
  • Sie haben es geschafft, im richtigen und wichtigen Moment alle persönlichen Ressourcen zu mobilisieren. Sie haben Lösungen gefunden, um die Situation auszuhalten und sie zu umgehen.
  • Diese Personen dürften ihr Leben nach diesem kurzen oder längeren Ereignis so natürlich wie möglich weiterleben. Sie werden einfach mehrmals davon erzählen.

Positiver Stress: beschützend und belebend
Der Stress ist ein lebenswichtiger Mechanismus. Welcher Künstler hat kein Lampenfieber, bevor er die Bühne betritt! Wer von uns kriegt vor einer Prüfung keinen trockenen Mund, beginnt nicht zu schwitzen oder zu zittern oder spürt vor dem Liebes-Rendezvous nicht das Herz bis zum Hals klopfen! Dieser Stress oder, um präziser zu sein, die durch die Situation verursachte Reaktion auf den Stress, ist Quelle für Erfolg, Leistung und Kreativität, und sie motiviert das Individuum – sofern sie sich in einem gesunden Mass hält. Sie ist das, was wir allgemein Adrenalin-Anstieg nennen, und dieser ist nichts anderes als eine ganz normale physiologische Aktivität des Menschen, um sich anzupassen und zu regulieren. Einfach ausgedrückt: Es ist normal zu schwitzen, wenn es heiss ist. Der Körper entlässt das Zuviel an Hitze durch die Poren der Haut. Wir können nicht beschliessen zu schwitzen! So ist es auch normal, dass sich das Adrenalin mit seinen hormonalen und verhaltensspezifischen Folgen zu dem Zeitpunkt bemerkbar macht, wo es notwendig ist: bei einem Schock und bei Stress.

Negativer Stress: zerstörerisch und lähmend
Es sind nicht die Reaktionen selber, sondern ihre ungewohnte Dauer oder Intensität, die anzeigen, dass etwas nicht richtig funktioniert. Die Person hat nicht mehr genügend Ressourcen, um die Lage zu bewältigen. Das nennt sich gemeinhin negativer Stress.

Der posttraumatische Stress entspringt einer Summe von Reaktionen, die verbunden sind mit Todeskonfrontation, extremer Angst und abgrundtiefem Schrecken, dem Gefühl der Machtlosigkeit, dem Eingriff in die körperliche Integrität. Dieser Stress und seine Reaktionen sind zu Beginn normal, werden aber auf Dauer zum negativen Stress.

Der posttraumatische Stress zieht die betroffene Person mit der Zeit in eine Spirale von Angst, von wiederholten Fehlern etwa im professionellen Bereich, von Ungeduld, Aggressivität, Launenhaftigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten sowie von anderen wirklichen oder vorgestellten Albträumen. Das Trauma ist wie ein Film, der sich mitten am helllichten Tag abspielt oder einen des Nachts aus dem Schlaf reisst. Betroffene Personen können auch an körperlichen Schmerzen wie Bauchweh leiden, Schwierigkeiten beim Essen und Einschlafen haben, passiv werden und überhaupt keine Gefühle mehr verspüren. Sie sind gegenüber anderen emotional kalt und wie betäubt. Die Fachleute sprechen von Alexithymie, wenn jemand unfähig ist, seine Gefühle auszudrücken. Wenn all diese Reaktionen mehr als einem Monat andauern und den üblichen Lauf des Lebens stören, sollte die betroffene Person psychologische Hilfe anfordern.

Lesen Sie mehr über die Eigenschaften und Auswirkungen zweier Stresstypen im nachfolgenden Artikel .

* Sabrina Alberti ist Psychologin FSP (Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen), zertifizierte Notfallpsychologin des NNPN (Nationales Netzwerk Psychologische Nothilfe), Physiotherapeutin und Erwachsenenbildnerin mit eidgenössischem Fachausweis. In ihrer Praxis kombiniert sie psychologische Beratung und Coaching mit körperlichen Entspannungstechniken. Dazu benützt sie gerne die Technik des Tai-Chi Chuan: Diese stärkt Gesundheit und körpereigene Abwehrkräfte und fördert die Selbstreflexion und die Lebensenergie. Für CareLink bildet Sabrina Alberti die Französisch sprechenden Freiwilligen aus.

Negativer Stress ist nicht immer gleich

Spezifische Eigenschaften und Auswirkungen
Autorin: Sabrina Alberti, Quelle: Carenews Juni 2011

Der Stress nach einem schwer wiegenden Ereignis oder nach einem emotionalen Schock ist nicht der gleiche wie der Arbeitsstress. Dieser entwickelt sich in der Regel über eine längere Zeitspanne – im Gegensatz zum Stress, der an ein gravierendes Ereignis geknüpft ist. Psychologin Sabrina Alberti erklärt.

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Schwer wiegendes Ereignis, emotionaler Schock
Eigenschaften

Der Charakter eines emotionalen Schocks oder eines Ereignisses, das als gravierend einzustufen ist, ergibt sich im Allgemeinen aus dem Moment des Unvorhergesehenen und Überraschenden und aus der Nähe zum Tod: „Ich hätte sterben können“, denken sich Betroffene, „einige sind ums Leben gekommen.“ Der Tages- und Lebensverlauf ändert sich brutal, und das einschneidende Erlebnis wird zum Bruch, der alles in ein Davor und ein Danach teilt.

Auswirkungen
Wie sich ein Ereignis auswirkt, hängt nicht mit dessen Schwere oder mit dem Erlebten zusammen. Die betroffene Person beurteilt die Schwere subjektiv. Hingegen manifestiert sich die Auswirkung auf Körper, Geist und Verhalten. Sie ist die Summe von Reaktionen, dauert kürzer oder länger und nimmt für jeden Mensch wieder andere Formen an. Die Auswirkung ist für die betroffene Person und deren Umgebung weder vorhersehbar noch angenehm, geschweige denn immer erträglich. Die Reaktionen auf das, was sich ereignet hat – ein Autounfall, der Tod einer nahe stehenden Person, der Suizid eines Kollegen –, stellen sich schnell und massenhaft ein und dringen in das persönliche Wahrnehmungsfeld ein. Es sind diese Reaktionen, die dazu führen, dass die Leute etwa unmittelbar nach einem Schock unterschiedliche Erinnerungen haben: Die einen erinnern sich sehr präzis und erzählen davon, die anderen können sich überhaupt nicht an den Moment des Ereignisses oder an Einzelheiten erinnern – als ob das, was nicht passieren dürfte, auch nicht passiert wäre.

Stress bei der Arbeit
Eigenschaften
Die Charakteristik von Arbeitsstress beruht auf mehreren Faktoren. Was diese Stresssituationen jedoch gemeinsam haben, ist deren Dauer. Wenn eine Person ihren „Arbeitsstress“ ausdrückt, handelt es sich selten um ein punktuelles Ereignis. Der Stress erscheint als Konstante: „Meine Arbeit war immer belastend“, sagt die Person dann. Oder zur Abwechslung formuliert sie es so: „Seit die Arbeit stressiger geworden ist, …“ Zu Stress führen können auch geänderte Arbeitsbedingungen: Mobbing oder unternehmensinterne Umstrukturierungen, welche Entlassungen, neue Zuständigkeiten, Unklarheit oder einen Mangel an Kommunikation nach sich ziehen.

Auswirkungen
Arbeitsstress wirkt sich weniger schroff aus als ein Schock nach einem Autounfall, aber er ist manchmal sehr viel schädlicher – besonders auf Grund seiner Dauer und Wiederholung. Wenn die Symptome auftreten, leidet die Person bereits an den Folgen des Stress, und oft sind die Klagen Tatsache: Sie hat Mühe einzuschlafen, arbeitet nicht mehr so effizient und zieht sich sozial zurück. Auch das exakte Gegenteil gibt es: Auf der Suche nach Anerkennung und Befriedigung „organisiert sich“ die Person ein Übermass an ausserberuflichen Aktivitäten. Oder sie verhält sich riskant und gefährdet ihr eigenes Leben beim Autofahren, im Berg- und Extremsport, mit Alkoholkonsum und Absentismus. Am Arbeitsplatz ist sie einfach noch präsent, aber unfähig, etwas zu produzieren, zu arbeiten oder sich zu konzentrieren.

Mehr Informationen unter www.stressnostress.ch

Autorin: Sabrina Alberti, Psychologin FSP, zertifizierte Notfallpsychologin des FSP/NNPN, Physiotherapeutin und Erwachsenenbildnerin SVEB.

Nützliche Tipps zum Stressabbau …

… und wo besonders Vorsicht geboten ist
Autorin: Sabrina Alberti, Quelle: Carenews Juni 2011

Wer zwischen positivem und negativem Stress unterscheiden kann, ist auch in der Lage, zu erkennen, ob eine Intervention nötig ist, um dadurch die Lebensqualität zu verbessern. Einige praktische Tipps.

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Der Artikel „Negativer Stress ist nicht immer gleich“ beschreibt die Auswirkungen eines gravierenden Ereignisses, eines emotionalen Schocks und von Arbeitsstress. Diese Auswirkungen sind zunächst normale Reaktionen auf die Situationen, welche die betroffenen Personen zu bewältigen haben. Doch wenn die Reaktionen anhalten oder sich mit der Zeit sogar verschlimmern, wenn sich dadurch Gewohnheiten, Beziehungen und Anschauungen verändern, läuft die betroffene Person Gefahr, an einer posttraumatischen Belastungsstörung zu erkranken.

Negative Stressspirale vermeiden
Eine traumatisierte Person ist a priori gesund und nicht krank. Ein Trauma kann allerdings frühere schwierige Erfahrungen oder einstige Krankheiten aufwecken und reaktivieren. Wer statt zu handeln zögert, wer die Anstrengung übersieht, mit der sich Körper und Geist angepasst haben, um die Herausforderung zu bestehen, oder wer die posttraumatischen Reaktionen leugnet und die Körper-Geist-Maschine forciert, gleitet in die Spirale des negativen Stress hinein, und diese öffnet Krankheiten und Dysfunktionen Tür und Tor.

Die Situation ist vergleichbar mit der eines Marathonläufers, der alle seine Kräfte aufgeboten hat, um die Ziellinie zu überqueren: Er pflegt nach der Anstrengung seinen erschöpften Körper, ruht sich aus, führt sich Flüssigkeit zu, macht in aller Ruhe seine Märsche und Atemübungen, vermeidet es aber, gleich das Training für das nächste Rennen aufzunehmen. Damit gibt er sich Zeit, um die extreme Herausforderung abzubauen, und bereitet gleichzeitig den nachfolgenden Aufbau vor, und er beugt allfälligen zukünftigen Unfällen vor, die seine Gesundheit schädigen könnten.

Die Art von Stress erkennen
Es ist unmöglich, Stress allgemeiner Natur zu vermeiden, denn er ist zum Teil Motor des Lebens. Der traumatische Schock seinerseits ist ein Ereignis ausserhalb des Gewöhnlichen. Es widerfährt einem unerwartet, bringt einen durcheinander, unterbricht den Lauf des Lebens. Doch jeder Mensch hat persönliche und soziale Ressourcen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen.

Genau so wie der Mensch die erste Phase der Stressverarbeitung bewältigt, kann er Stress auch vermeiden. Welches auch immer die Gründe für den gefühlten Stress sind – gravierendes Ereignis, emotionaler Schock oder die Arbeit –, es geht zuerst darum, die Anzeichen zu erkennen.

Positiver Stress stellt sich dann ein, wenn wir ihm ausgesetzt sind – in Situationen, wo es Lösungen gibt, wo wir uns auf dem Niveau unserer Fähigkeiten und Zuständigkeiten und in einem positiven Umfeld bewegen. Das macht uns leistungsstark und widerstandsfähig und hält unser Gehirn und unseren Organismus in guter Verfassung!

Negativer Stress macht sich dann bemerkbar, wenn die Anforderungen oder der Druck, seien sie real oder selbstauferlegt, zu lange andauern. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Opfer eines kritischen Zwischenfalls dieses Trauma gut akzeptieren: Dem Tod entgangen zu sein, eine nahe stehende Person durch einen Unfall verloren zu haben – sie nehmen solche Brüche an. Dagegen sind die Folgen des Ereignisses weniger annehmbar, und sie können die „Heilung“ vom negativen Stress verzögern. Die Langsamkeit der Justiz, die Kosten für die Versicherungen, die Rechnungen der Sanitätsdienste, die Rentenzahlungen – mit all dem muss sich eine betroffene Person auseinander setzen, um das Leben nach dem erschütternden Ereignis neu zu organisieren. Stellt sich die Frage, ob nicht genau das die Alarmglocken der betroffenen Person schriller erklingen lässt, zumal sie emotional, körperlich, intellektuell und verhaltensmässig ohnehin angeschlagen ist.

Stress verwalten lernen
Wir sind ein Ganzes, Körper und Geist, und wir müssen sowohl zu unserer körperlichen als auch zu unserer mentalen Gesundheit Sorge tragen. Unsere Gedanken beeinflussen unser Tun. Wir können handeln – für uns und an uns, und wir können uns falls nötig dabei helfen lassen.

  • Setzen Sie sich bequem auf Ihren Stuhl, legen Sie Ihre Hände auf den Bauch, atmen Sie ein und aus, und verfolgen Sie die Bewegungen unter Ihren Händen. Lenken Sie all Ihre Aufmerksamkeit auf Atem und Bewegungen und vor allem auf das, wie Sie dabei spüren. Nachdem Sie fünfmal ein- und ausgeatmet haben: Wie fühlen Sie sich? Sie haben sich soeben eine Portion Sauerstoff gegönnt und damit all Ihre Zellen genährt!
  • Nehmen Sie zum Beispiel ein Notizbuch und einen Stift: Listen Sie ab heute alles auf, was Ihnen neue Energie schenkt, was Ihnen gut tut, Sie entspannt und Ihren Körper positiv beeinflusst: Walking, Thermalbäder, Massagen, Musik, Yoga, Tai-Chi Chuan ...
  • Beobachten Sie ab heute, wie Sie über Ihre Arbeitssituation sprechen, von Ihrem Trauma, von schwierigen Dingen, die Sie in Ihrem Alltag erleben müssen. Und beobachten Sie vor allem die Wirkung, die Sie damit auf sich selber und auf andere ausüben.
  • Hören Sie auf, sich selbst zu überzeugen. Überprüfen Sie vielmehr Ihre Wirklichkeit. Machen Sie keine Pläne mehr nach dem Muster „wenn ich dieses Projekt beendet habe“ oder „in drei Wochen habe ich mehr Zeit“. Handeln Sie jetzt!

Jedes Anzeichen, jedes körperliche und geistige Alarmsignal verdient beobachtet und verstanden zu werden, damit Sie etwas in Ihrem Leben verändern und sich gesund halten können, damit Sie mehr Vergnügen haben und Ihre Leistungsfähigkeit steigern können – beruflich und privat, um etwa den Kindern gute Eltern zu sein. Und wenn Sie den Eindruck haben, sich im Kreis zu drehen, können Sie sich helfen lassen: Vereinbaren Sie einen Termin für eine Massage, für einen Coaching, für eine psychologische Beratung. Eine Veränderung des Blickwinkels reicht oft aus, um neue Perspektiven zu entdecken.

Es ist nicht selten, dass ein Schock nach einiger Zeit erlaubt, ein Leben positiv zu verändern: Die betroffene Person trifft ihre Wahl gezielter, professioneller und persönlicher. Der Schock hat wie ein Weckruf gewirkt und die Wichtigkeit gewisser Dinge vor Augen geführt. Der Schock als Quelle der Motivation und des Muts zur Veränderung – wie es die populär gewordene Redensart ausdrückt: „Was mich nicht umhaut, macht mich stark.“ Allerdings sei die Frage erlaubt, ob es tatsächlich eines traumatischen Erlebnisses bedarf, um auf sich selber Acht zu geben!

Autorin: Sabrina Alberti, Psychologin FSP, zertifizierte Notfallpsychologin des FSP/NNPN, Physiotherapeutin und Erwachsenenbildnerin SVEB.