Was unterscheidet Babyboomer und die Generationen X, Y und Z?

Wer die Unterschiede kennt, arbeitet besser mit anderen zusammen.
Von Miriam Engelhardt*

Auch wenn die Generationenunterschiede natürlich nicht die einzigen Kriterien sind, nach denen wir uns unterscheiden, geben sie uns doch schon viel an die Hand, um einander besser zu verstehen. Es ist wie ein Schema, mit dem sich die Lebendigkeit der Welt ein bisschen strukturieren lässt. Wir lernen auch uns selbst kennen und entdecken, welche Seiten für andere schwierig sind.

So kommt es vor, dass ein junger Mitarbeiter oder eine Lernende morgens im Betrieb anruft und sagt: «Ich glaub, ich werde krank, ich komme heute nicht.» Wenn ein Babyboomer – die älteste Generation aktuell im Berufsleben – das hört, verschlägt es ihr oder ihm normalerweise die Sprache und für sie oder ihn ist klar: Die Jugend ist faul, arbeitsscheu und verweichlicht. Babyboomer sind trainiert im Durchhaltevermögen. Im Tunnel der Tradition, in dem sie aufgewachsen sind, war das eine wichtige Tugend. «Was mich nicht umbringt, macht mich stark», war oft genug die Devise. Bis heute kommen sie hoch loyal mit Fieber und dröhnenden Kopfschmerzen zur Arbeit. Aus Sicht der jungen Generationen Y und Z ist das fast schon kindisch: «Sie sind tagelang nicht richtig leistungsfähig, stecken das ganze Team an und sind noch stolz auf ihre Arbeitsmoral! Statt dass sie sich mal einen Tag auskurieren.»

Ähnlich ist es bei dem Thema «um Hilfe bitten» oder «Hilfe annehmen». Für die älteren Generationen hat es den Beigeschmack von Schwäche. «Durchbeissen», «durchhalten», «es alleine schaffen» sind häufige Werte. Diese Einstellung kann zu Überlastung führen und fördert die Teamarbeit nicht gerade. Die jüngeren Generationen dagegen haben schon in der Schule mehr im Team gearbeitet, das Gruppenergebnis zählt, und einander zu unterstützen, ist normal. Sie haben oft gute Netzwerke, in denen sie sich Unterstützung holen können, und bitten darum, wenn sie es brauchen.

Auch das Einspringen bei Personalmangel – insbesondere im Dreischichtbetrieb im Gesundheitswesen – wird sehr verschieden gesehen. Die älteren Generationen stellen oft genug ihr Privatleben zurück und übernehmen zusätzliche Dienste. Es kann vorkommen, dass sich Babyboomer in der Freizeit kaum ans Telefon trauen: Wenn vom Betrieb aus angerufen wird, wissen sie schon, dass sie einspringen «müssen». Das Sprichwort «Erst die Arbeit, dann das Vergnügen» und die Unterordnung des Privatlebens unter den Betrieb sitzen hier teils noch sehr tief, und sie trauen sich nicht, Nein zu sagen.

Für die Generation X, die heute 35-55-Jährigen, ist es weniger die Unterordnung unter den Betrieb als das Thema Eigenverantwortung. Das Ergebnis ist das gleiche: Sie springen ein, obwohl sie nicht möchten. Sie haben das Gefühl, jeder und jede müsse eigenverantwortlich dazu beitragen, dass der Personalmangel ausgeglichen werden könne und die Qualität und das Team nicht leiden würden.

Ganz anders die jüngere Generation Y und die erst in der Ausbildung stehende Generation Z. Sie sagen auch bei akutem Personalmangel Nein, wenn sie keine Zeit haben, und geben als Verhinderungsgrund an, dass sie mit Freunden verabredet sind oder einen Coiffeurtermin haben. Undenkbar für Babyboomer und die Generation X! Jene glauben noch, Personalmangel sei wirklich eine betriebliche Ausnahmesituation, die es mit persönlichem Engagement und Loyalität dem Arbeitgeber oder dem Team gegenüber aufzufangen gelte. Die Generationen Y und Z sehen längst, dass Personalmangel eine immer wiederkehrende Normalität ist. Mit dieser Normalität gehen sie um, ohne ihre Werte zu opfern. Wenn Y- und Z-ler Zeit haben, springen sie gerne ein. Wenn sie etwas Privates vorhaben, schützen sie ihren Wert eines ganzheitlich gelungenen Lebens und damit ihre Work-Life-Balance. So fragen sie auch schon im Vorstellungsgespräch nach Weiterbildungs- oder Aufstiegsmöglichkeiten, aber auch nach Freizeitausgleich und Urlaub.

Wenn junge Menschen von den Betrieben mehr Lebensqualität fordern, ist das eine Situation, der wir uns stellen müssen. Schliesslich arbeiten wir alle gerne in einem gesunden, guten Betriebsklima.

Eine gut funktionierende Zusammenarbeit ist heute einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren in allen Branchen. Darum ist es zentral, das jeweilige Gegenüber schnell richtig einzuschätzen und in der Kommunikation bewusst und aktiv die richtige Richtung einzuschlagen. Es gibt keinen allgemeingültigen Verhaltenskodex mehr. Wir müssen wissen, wer uns gegenübersteht.

 

Die wichtigsten Punkte der Generationenunterschiede kurz zusammengefasst:

Die Babyboomer sind die älteste Generation im Betrieb. Sie haben in der Kindheit noch viel Hierarchie und Autorität erlebt. Für Fehler wurden sie meist bestraft, und die Älteren oder Vorgesetzten hatten eindeutig das Sagen. Bis heute kennen sie sich also im guten Ton aus, wissen, wann man jemandem auf den Schlips treten würde, beziehungsweise besser mal schweigt. Anerkennung gab es in der Kindheit allein durch Leistung, und die Moral war «Erst die Arbeit, dann das Vergnügen». So sagen sie schnell mal Ja und übernehmen Aufgaben, obwohl sie darunter leiden. Diese Generation ist äusserst loyal und somit leider auch burnoutgefährdet. Wertschätzung – und zwar Wertschätzung ihrer gesamten Lebensleistung – ist ihre grosse Sehnsucht. Sie haben ja oft schon 30 oder mehr Jahre hoch loyal gearbeitet und sollen jetzt im Mitarbeitendengespräch für ihre Leistung in den vergangenen zwölf Monaten bewertet werden?

Zur Generation X zählen die heute 35 bis 55-Jährigen. Sie haben eine besondere Stärke, die gleichzeitig zur Schwäche werden kann: die Eigenverantwortung. Sie übernehmen viel Eigenverantwortung, sowohl in ihren Aufgabenbereichen als auch etwa in Weiterbildungen per E-Learning. Gleichzeitig erwarten sie manchmal zu viel Eigenverantwortung von den anderen. So vergessen Berufsbildner oder Führungsverantwortliche immer wieder, andere anzuleiten und zu kontrollieren, und setzen stattdessen auf Eigenverantwortung. Auch in Bezug auf Teamarbeit hört man gern: «Wenn hier jeder eigenverantwortlich seine Arbeit machen würde, bräuchten wir gar nicht über Zusammenarbeit zu diskutieren, das ist doch der reinste Kindergarten hier.» Dabei geht vergessen, dass Zusammenarbeit eine komplexe Sache ist, die aktives Verstehen und Aufeinanderzugehen verlangt.

Die Generationen Y und Z – die Z-ler sind noch sehr jung und noch in Ausbildung – unterscheiden sich vor allem in ihrem Verhältnis zu Autoritäten und ihrer Work-Life-Balance von den anderen Generationen. Sie sind ohne klassische strafende Hierarchie aufgewachsen, sondern mit verständnisorientierten Erziehungsstilen und einer Pädagogik, die Fehler dazu nutzt, daraus zu lernen. Gleichzeitig haben sie die Erfahrung gemacht, dass sie in der zukunftsweisenden Branche der IT-Technologie immer etwas besser waren als ihre Eltern und Lehrer. Damit gibt es für sie keine Hierarchie mehr. Sie setzen sich mit jedem auf Augenhöhe, ob das erfahrene Kolleginnen, Vorgesetzte, Professoren oder die Geschäftsleitung ist. Sie haben auch nie gehört: «Schweig, du bist nicht gefragt worden.» Sie stellen also ihre Fragen jeder, jedem und zu jeder Zeit – auch dann, wenn sie die Information selbst recherchieren könnten, aber das Fragen eben schneller geht. Feedback- und Fehlerkultur fallen ihnen sehr leicht. Die Work-Life-Balance ist ihr neuer Wert. Sie opfern das Privatleben nicht mehr für den Betrieb. Das selbstverständliche Ziel eines ganzheitlich gelungenen Lebens ist ihnen wichtig.

Fazit: Oft werden wir gefragt, ob es nicht einfacher wäre, altershomogene Teams zu bilden. Und wir sagen Nein! Der Generationenmix hat Potenzial: Jede Altersgruppe bringt ihre spezifischen Stärken ein, und die blinden Flecken der anderen Generationen werden ausgeglichen. Das ist unbedingt nötig, um komplexe Aufgaben zu bewältigen.

In einer Umfrage unter 400 Teilnehmenden waren über 90 Prozent der Befragten für einen Generationenmix! Babyboomer schätzen zum Beispiel die frischere Ausbildung der Jüngeren und die lockere Atmosphäre. Die Jüngeren möchten nicht auf die Erfahrung der Älteren verzichten und finden, das bringe Ruhe ins Team.

Es macht Freude und erleichtert den Arbeitsalltag, durch Generationenkompetenz zunehmend Verständnis und Neugier füreinander zu entwickeln. So wird es möglich, in konkreten Alltagssituationen spontan und lösungsfokussiert zu agieren.

* Dr. Miriam Engelhardt hat nach Studienaufenthalten in Paris und Poitiers in Freiburg im Breisgau in Soziologie promoviert und war unter anderem in der Jugendforschung tätig. 2008 wechselte sie von der Forschung in die Vermittlung und arbeitete in der Personal- und Organisationsentwicklung am Universitätsspital Basel mit Schwerpunkt Weiterbildung. 2012 gründete sie Engelhardt-Training: www.engelhardt-training.de. Heute arbeitet sie zusammen mit ihrer Schwester Nikola Engelhardt als Referentin, Kursleiterin und Moderatorin zu den Themen Generationenkompetenz, Leadership, Teamentwicklung, Moderation und Auftrittskompetenz.

Im Oktober 2019 erscheint von Miriam Engelhardt und Nikola Engelhardt im Hep-Verlag, Bern, das Buch «Wie tickst du? Wie ticke ich?» Es hilft, die Zusammenarbeit zwischen Menschen verschiedener Generationen zu verbessern.

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