Wenn die Seele im Unglück Hilfe braucht
Notfallseelsorge eröffnet die religiös spirituelle Dimension
Ein Unglück bringt Not und Schmerz. Notfallseelsorge kann, zusätzlich zu Caregiving und Notfallpsychologie, lindernd und heilend wirken. Die Betreuung erhält damit, je nach Wunsch der Betroffenen, eine weitere Dimension. CareLink zieht dazu Vertreterinnen und Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Schweiz (AG NFS CH)* bei. Was ist nun anders, wenn nach einem Ernstfall ein Notfallseelsorger oder eine Notfallseelsorgerin zum Einsatz kommt? Paul Bühler führt im Interview durch ein tiefgründiges Thema. Er präsidiert die AG NFS CH und leitet als Diakon das römisch-katholische Pfarramt im solothurnischen Zuchwil.
Herr Bühler, was ist Notfallseelsorge überhaupt? Worin unterscheidet sie sich von der Notfallpsychologie oder dem Caregiving?
Paul Bühler: Seelsorge, die Sorge um die Seele, ist genuin ein christlicher Begriff. Notfallseelsorge ist damit schon seit mehr als 2000 Jahren die Aufgabe jeder geistlichen Person: Die Menschen kommen zu ihr, um ihre Nöte vorzubringen und im Gebet Gott vorzutragen. Die Ex-Voto-Bilder, vielfach in Wallfahrtskirchen zu finden, geben davon ein illustres Zeugnis.
Heute haben sich die Seelsorgemethoden allgemein verfeinert und angesichts der heutigen Herausforderungen auch differenziert und damit spezialisiert. So gibt es neben den Allgemeinseelsorgenden in den Pfarreien und Kirchgemeinden auch Spital-, Jugend-, Alters-, Gefängnis-, Armee- und eben Notfallseelsorgende.
Der Mensch steht jedoch immer im Mittelpunkt: Notfallseelsorge will das Wohl des Menschen, der in eine schwierige Situation geraten ist. Sie will Hoffnung und Sicherheit vermitteln. In diesem Grundauftrag und indem sie psychische Erste Hilfe leistet, unterscheidet sich die Notfallseelsorge nicht von der Notfallpsychologie und dem Caregiving. Darüber hinaus vertritt die Notfallseelsorge, unaufdringlich und auch nonverbal, die Kontinuität in der Diskontinuität, die Verbundenheit über zerstörte Bindungen hinweg, die in Gott verwurzelte Hoffnung auf Sinn und Heilung angesichts oft massloser Zerstörung.
Was tut die Notfallseelsorge, wenn Betroffene mit Religion nichts am Hut haben?
Paul Bühler: Grundsätzlich ist die Notfallseelsorge für jeden Menschen da, unabhängig von Religions- und Konfessionszugehörigkeit. Das hat uns Jesus Christus selber vorgemacht – obwohl es seither in der Kirchengeschichte leider oft andere Haltungen gegeben hat.
Heute leben wir in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft. Darum stellen wir uns zuerst als Menschen vor, die sich Zeit nehmen, den Betroffenen beizustehen. Wir drängen uns nicht auf, und auf keinen Fall kommen wir als Missionare. Für uns ist die Ökumene, die Zusammenarbeit unter den christlichen Kirchen, selbstverständlich.
Wenn jemand diesen Beistand explizit ablehnt, dann «klopfen wir den Staub von den Füssen» und gehen weiter. Das kann jedem Caregiver und jeder Notfallpsychologin auch passieren. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die meisten Betroffenen unsere Hilfe dankbar annehmen. Wir sind schon zu Moslems und Hindus gerufen worden, und alle waren offen. Sogar da haben sich schon oft überraschend religiöse Gespräche ergeben.
Wir als Notfallseelsorgende müssen die verschiedenen Religionen kennen und wissen, wie wir uns verhalten sollen. Wir müssen auch die verschiedenen Arten des Umgangs mit Leid und Trauer kennen.
In welcher Phase eines Ereignisses wirkt Notfallseelsorge am stärksten?
Paul Bühler: In der Akutphase unterscheidet sich Notfallseelsorge nur innerlich durch ihren spirituellen Hoffnungshintergrund von Caregiving und der Notfallpsychologie. Unser Vorteil ist, dass wir eine relativ hohe Zeitflexibilität haben und in der ungewohnten seelsorgerlichen Betreuung geübt sind. Wir benötigen zum Beispiel nicht einen speziellen Raum oder unsere eigene Lokalität. Wir bieten kurzfristige Unterstützung in akuten Notsituationen an und kennen die Realität ganzer ins Chaos stürzender Familiensysteme.
In der Stabilisierungsphase können wir Notfallseelsorgenden dann – wenn es gewünscht und angebracht ist – mit einem Ritual innere Sicherheit und Hoffnung vermitteln. Wo objektiv nichts mehr zu machen ist, können wir gemeinsam mit den Hinterbliebenen subjektiv Handelnde bleiben. Der Glaube an eine lebendige Jenseitigkeit nimmt Schmerz und Verzweiflung ernst und bindet sie in einen viel grösseren Lebenshorizont ein. Das tröstet und stabilisiert Menschen, das bewirkt seelische Reifung und fördert den Heilungsprozess. Aus der Dimension letztlich nicht verlorener Existenz heraus können Menschen die Kraft aktivieren, um bei ihren eigenen Ressourcen anzuknüpfen. Was vom Verstand nicht erkannt wird, kann in der Seele spürbar werden.
Die Seelsorge im Allgemeinen hat noch mehr zu bieten: Dank ihrem sozialen Netz und ihren Ritualen kann sie Betroffenen auch in der Verarbeitungsphase weiterhelfen. Notfallseelsorgende können hier die Allgemeinseelsorgenden in den Pfarreien und Kirchgemeinden beratend unterstützen.
Wie werden Notfallseelsorgende auf ihre Aufgabe vorbereitet? Oder «kann man das einfach», wenn «man» Seelsorger ist?
Paul Bühler: Was heisst schon «Seelsorger»! Eigentlich kann sich jeder Mann und jede Frau diese Bezeichnung zulegen, was allerdings den berüchtigten Wildwuchs fördert. Wir setzen voraus, dass Notfallseelsorgende durch die Kirchen vorgeschlagen werden. Sie sollen ein universitäres Theologie-Studium absolviert haben und über Berufserfahrung verfügen. Auch Sozialkompetenz und die entsprechende psychische Belastbarkeit werden natürlich vorausgesetzt. Das alles ergibt einen guten «Rucksack» für die Tätigkeit in der Notfallseelsorge.
Der Glaube als eigene aktive Kraftquelle, spirituelle Kompetenz und eine geklärte Gottesbeziehung sind Grundlage jeden notfallseelsorgerlichen Handelns. Zusätzlich wird von Notfallseelsorgenden psychologische Kompetenz erwartet. Die einen erwerben diese bereits in der Grundausbildung, andere absolvieren Zusatzausbildungen und belegen entsprechende Kurse. Oft und gerne schulen sich Notfallseelsorgende auch zusammen mit anderen Caregivers und mit Notfallpsychologinnen und -psychologen.
Wie ist die Notfallseelsorge ins Nationale Netzwerk Psychologische Nothilfe (NNPN) eingebunden? Ist eine Zertifizierung vorgesehen?
Paul Bühler: Wir, eine Gruppe von Notfallseelsorgenden, haben uns 2002 zur Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Schweiz (AG NFS CH)* zusammengeschlossen. Ein Mitglied unseres Vorstands arbeitet in der Steuerungsgruppe des NNPN mit, ein weiteres in der Zertifizierungskommission. Die Einsatzrichtlinien und Ausbildungsstandards gelten ja für uns alle, und zur Sicherung der Qualität streben wir die Zertifizierung an.
Wir haben noch einen weiten Weg vor uns: Noch nicht alle Kantone haben eine Notfallseelsorge. Für uns als Arbeitsgemeinschaft ist es sehr aufwändig, die oft unterschiedlich denkenden Theologinnen und Theologen sowie die je nach Kanton unterschiedlichen Systeme zu verknüpfen. Zudem müssen wir uns über die Ausbildung einig werden: Wer bildet was wo für wen aus?
Worin unterscheidet sich Betreuung im Alltag von Notfallbetreuung?
Paul Bühler: Die Notfallseelsorge wird in der Regel von den Einsatzkräften, also von der Polizei, der Sanität oder der Feuerwehr, aufgeboten. Ein Unglück, ein Notfall, ein Todesfall zum Beispiel mag den Ausschlag geben. Das sind bereits andere Voraussetzungen als im pfarreilichen Umfeld. Notfallseelsorgende müssen also die Arbeit und Vorgehensweise der Einsatzkräfte kennen, um ihnen und den Betroffenen effektiv dienen zu können. Das führt auch dazu, dass wir uns als Notfallseelsorgende im Kreis der Einsatzkräfte gut akzeptiert und aufgehoben fühlen.
Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass wir es als Notfallseelsorgende meist mit Betroffenen und Orten zu tun haben, die wir nicht kennen. Das hat allerdings auch den Vorteil, dass wir sachlicher auf Betroffene zugehen können. Dann praktizieren wir auch eine Art Triage, indem wir die Betroffenen an die Ortsseelsorgenden, an einen Arzt, eine Psychologin oder gar an die Psychiatrie verweisen.
Die Notfallseelsorge zeichnet sich also durch hohe Professionalität, durch Handlungs- und Konzentrationsdichte sowie durch intensive zeitliche Präsenz aus.
Was braucht es, damit die verschiedenen Betreuungseinheiten aus Psychologie, Seelsorge und Care reibungslos zusammenspielen?
Paul Bühler: Zuerst sollten sich alle Helferinnen und Helfer kennen. Wenn sich die Mitglieder von Krisenstäben zu wenig treffen, empfinde ich das als Manko für die Zusammenarbeit. Dann sollten wir die Spezifikationen voneinander kennen: Was können die Psychologinnen und Psychologen, die Seelsorgenden, die Caregivers je in ihrem Fachgebiet leisten? Was nicht? Gleichzeitig müssen die Fachleute jeder Disziplin in der Lage sein, die Bedürfnisse Betroffener richtig einzuschätzen und adäquat darauf einzugehen. Ein Notfallseelsorger sollte zum Beispiel die Grundsätze der Psychotraumatologie beherrschen, eine Notfallpsychologin die religiös spirituellen Grundlagen. Die psychologischen Fachleute sollten zudem ihr eigenes Gottesbild geklärt haben, um Projektionen zu vermeiden. So können wir Hand in Hand arbeiten und uns gegenseitig ergänzen: je mit unserem eigenen Fachwissen und unserer Erfahrung – aber auch mit unserer Flexibilität und unserer Menschlichkeit.
* Die Arbeitsgemeinschaft Notfallseelsorge Schweiz (AG NFS CH) versteht sich als Organ der Vernetzung im Bereich der Notfallseelsorge in der Schweiz. Sie fördert die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Kirchen und Religionsgemeinschaften einerseits und mit den Betreuungs-, Einsatz- und Rettungskräften andererseits. Wichtige Themen sind die Profilierung der Notfallseelsorge, die Förderung der Aus- und Weiterbildung und die Definition von Ausbildungsstandards.
www.notfallseelsorge.ch

