Psychologische Nothilfe – eine Typologie
Psychosoziale Nothilfe und notfallpsychologische Fachhilfe
Alle Massnahmen, die geeignet sind, die psychische Gesundheit von Betroffenen nach einem potenziell traumatisierenden Ereignis zu unterstützen, werden unter dem Begriff psychologische Nothilfe zusammengefasst. Abgestuft wird diese in Psychosoziale Nothilfe (Care) und notfallpsychologische Fachhilfe (Notfallpsychologie). Beides sind notwendige Ergänzungen zur medizinischen Nothilfe.
Nach einem ausserordentlichen, belastenden Ereignis arbeiten Caregiver und Notfallpsychologen bei der Betreuung der Betroffenen eng zusammen. Die Betroffenen und ihr Umfeld sollen unmittelbar nach dem Ereignis mit dem Ziel begleitet und unterstützt werden, ihre Ressourcen zu aktivieren, um die Normalität wiederherzustellen und damit Folgeschäden zu verringern oder zu verhindern. Grundsätzlich gilt dabei für alle Massnahmen: So wenig wie möglich, soviel wie nötig.
Die Gemeinsamkeiten, Zuständigkeiten und Abgrenzung der beiden Bereiche stellen wir im Folgenden als Eskalationsstufen in der Betreuung dar:
Eskalationsstufen 1-2
Psychosoziale Nothilfe: Care und Psychologisches Krisenmanagement
Caregiver
- bieten den Betroffenen emotionale und praktische Betreuung an
- sind in der Lage, auch Betroffene aus anderen Kulturen und fremdsprachige Betroffene zu betreuen
- können einschätzen, ob eine professionelle Fachhilfe aufgeboten werden muss
- informieren Betroffene über häufige Symptome nach einem Ereignis
- betreiben das Betreuungszentrum und vermitteln Informationen
- organisieren Transporte, Unterkünfte und Verpflegung
- koordinieren zwischen Betroffenen und dem Krisenstab
Eskalationsstufe 2-3
Notfallpsychologische Fachhilfe: Psychologisches Krisenmanagement und Psychologische Akutinterventionen
Notfallpsychologen
- entscheiden über den individuellen Betreuungsbedarf
- führen Akutinterventionen mit Betroffenen durch
- erkennen besonders gefährdete Personen
- beraten und unterstützen die Einsatzleitung bei der Erstellung von notfallpsychologischen Einsatzkonzepten
- führen strukturierte Einzel- und Gruppengespräche
- erfassen prä- und peritraumatische Risikofaktoren
- unterstützen Einsatznachgespräche
- vermitteln im Bedarfsfalle eine weiterführende Fachhilfe
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Notfallpsychologie dort anfängt, wo die Grenzen von Care erreicht beziehungsweise überschritten werden.
Genügen für einzelnen Personen auch die notfallpsychologischen Akutinterventionen nicht, um in einen geordneten Alltag zurückzufinden, wird nach vier bis sechs Wochen von einer posttraumatischen Belastungsstörung gesprochen. Diese äussert sich unter anderem durch beharrliches Wiedererleben des Ereignisses, durch anhaltendes Vermeidungsverhalten, erhöhte Erregbarkeit und eine allgemeine Einschränkung des sozialen und beruflichen Umfeldes. Während Symptome, die in den ersten Wochen nach einem ausserordentlichen Ereignis in Form von posttraumatischem Belastungsstress auftreten, weitgehend als ‚normal‘ betrachtet werden können, empfiehlt sich bei einer posttraumatischen Belastungsstörung eine Traumatherapie durch Fachspezialisten. Ihr vordringlichstes Ziel ist zu verhindern, dass die posttraumatische Belastungsstörung chronisch wird.

