Nützliche Tipps zum Stressabbau …

… und wo besonders Vorsicht geboten ist

 

Wer zwischen positivem und negativem Stress unterscheiden kann, ist auch in der Lage, zu erkennen, ob eine Intervention nötig ist, um dadurch die Lebensqualität zu verbessern. Psychologin Sabrina Alberti hält zuerst aber einige praktische Tipps bereit.

 

Der Artikel  „Negativer Stress ist nicht immer gleich“ beschreibt die Auswirkungen eines gravierenden Ereignisses, eines emotionalen Schocks und von Arbeitsstress. Diese Auswirkungen sind zunächst normale Reaktionen auf die Situationen, welche die betroffenen Personen zu bewältigen haben. Doch wenn die Reaktionen anhalten oder sich mit der Zeit sogar verschlimmern, wenn sich dadurch Gewohnheiten, Beziehungen und Anschauungen verändern, läuft die betroffene Person Gefahr, an einer posttraumatischen Belastungsstörung zu erkranken.

 

Negative Stressspirale vermeiden
Eine traumatisierte Person ist a priori gesund und nicht krank. Ein Trauma kann allerdings frühere schwierige Erfahrungen oder einstige Krankheiten aufwecken und reaktivieren. Wer statt zu handeln zögert, wer die Anstrengung übersieht, mit der sich Körper und Geist angepasst haben, um die Herausforderung zu bestehen, oder wer die posttraumatischen Reaktionen leugnet und die Körper-Geist-Maschine forciert, gleitet in die Spirale des negativen Stress hinein, und diese öffnet Krankheiten und Dysfunktionen Tür und Tor.

 

Die Situation ist vergleichbar mit der eines Marathonläufers, der alle seine Kräfte aufgeboten hat, um die Ziellinie zu überqueren: Er pflegt nach der Anstrengung seinen erschöpften Körper, ruht sich aus, führt sich Flüssigkeit zu, macht in aller Ruhe seine Märsche und Atemübungen, vermeidet es aber, gleich das Training für das nächste Rennen aufzunehmen. Damit gibt er sich Zeit, um die extreme Herausforderung abzubauen, und bereitet gleichzeitig den nachfolgenden Aufbau vor, und er beugt allfälligen zukünftigen Unfällen vor, die seine Gesundheit schädigen könnten.

 

Die Art von Stress erkennen
Es ist unmöglich, Stress allgemeiner Natur zu vermeiden, denn er ist zum Teil Motor des Lebens. Der traumatische Schock seinerseits ist ein Ereignis ausserhalb des Gewöhnlichen. Es widerfährt einem unerwartet, bringt einen durcheinander, unterbricht den Lauf des Lebens. Doch jeder Mensch hat persönliche und soziale Ressourcen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen.

 

Genau so wie der Mensch die erste Phase der Stressverarbeitung bewältigt, kann er Stress auch vermeiden. Welches auch immer die Gründe für den gefühlten Stress sind – gravierendes Ereignis, emotionaler Schock oder die Arbeit –, es geht zuerst darum, die Anzeichen zu erkennen.

 

Positiver Stress stellt sich dann ein, wenn wir ihm ausgesetzt sind – in Situationen, wo es Lösungen gibt, wo wir uns auf dem Niveau unserer Fähigkeiten und Zuständigkeiten und in einem positiven Umfeld bewegen. Das macht uns leistungsstark und widerstandsfähig und hält unser Gehirn und unseren Organismus in guter Verfassung!

 

Negativer Stress macht sich dann bemerkbar, wenn die Anforderungen oder der Druck, seien sie real oder selbstauferlegt, zu lange andauern. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Opfer eines kritischen Zwischenfalls dieses Trauma gut akzeptieren: Dem Tod entgangen zu sein, eine nahe stehende Person durch einen Unfall verloren zu haben – sie nehmen solche Brüche an. Dagegen sind die Folgen des Ereignisses weniger annehmbar, und sie können die „Heilung“ vom negativen Stress verzögern. Die Langsamkeit der Justiz, die Kosten für die Versicherungen, die Rechnungen der Sanitätsdienste, die Rentenzahlungen – mit all dem muss sich eine betroffene Person auseinander setzen, um das Leben nach dem erschütternden Ereignis neu zu organisieren. Stellt sich die Frage, ob nicht genau das die Alarmglocken der betroffenen Person schriller erklingen lässt, zumal sie emotional, körperlich, intellektuell und verhaltensmässig ohnehin angeschlagen ist.

Stress verwalten lernen
Wir sind ein Ganzes, Körper und Geist, und wir müssen sowohl zu unserer körperlichen als auch zu unserer mentalen Gesundheit Sorge tragen. Unsere Gedanken beeinflussen unser Tun. Wir können handeln – für uns und an uns, und wir können uns falls nötig dabei helfen lassen.

  • Setzen Sie sich bequem auf Ihren Stuhl, legen Sie Ihre Hände auf den Bauch, atmen Sie ein und aus, und verfolgen Sie die Bewegungen unter Ihren Händen. Lenken Sie all Ihre Aufmerksamkeit auf Atem und Bewegungen und vor allem auf das, wie Sie dabei spüren. Nachdem Sie fünfmal ein- und ausgeatmet haben: Wie fühlen Sie sich? Sie haben sich soeben eine Portion Sauerstoff gegönnt und damit all Ihre Zellen genährt!
  • Nehmen Sie zum Beispiel ein Notizbuch und einen Stift: Listen Sie ab heute alles auf, was Ihnen neue Energie schenkt, was Ihnen gut tut, Sie entspannt und Ihren Körper positiv beeinflusst: Walking, Thermalbäder, Massagen, Musik, Yoga, Tai-Chi Chuan ...
  • Beobachten Sie ab heute, wie Sie über Ihre Arbeitssituation sprechen, von Ihrem Trauma, von schwierigen Dingen, die Sie in Ihrem Alltag erleben müssen. Und beobachten Sie vor allem die Wirkung, die Sie damit auf sich selber und auf andere ausüben.
  • Hören Sie auf, sich selbst zu überzeugen. Überprüfen Sie vielmehr Ihre Wirklichkeit. Machen Sie keine Pläne mehr nach dem Muster „wenn ich dieses Projekt beendet habe“ oder „in drei Wochen habe ich mehr Zeit“. Handeln Sie jetzt!

Jedes Anzeichen, jedes körperliche und geistige Alarmsignal verdient beobachtet und verstanden zu werden, damit Sie etwas in Ihrem Leben verändern und sich gesund halten können, damit Sie mehr Vergnügen haben und Ihre Leistungsfähigkeit steigern können – beruflich und privat, um etwa den Kindern gute Eltern zu sein. Und wenn Sie den Eindruck haben, sich im Kreis zu drehen, können Sie sich helfen lassen: Vereinbaren Sie einen Termin für eine Massage, für einen Coaching, für eine psychologische Beratung. Eine Veränderung des Blickwinkels reicht oft aus, um neue Perspektiven zu entdecken.

Es ist nicht selten, dass ein Schock nach einiger Zeit erlaubt, ein Leben positiv zu verändern: Die betroffene Person trifft ihre Wahl gezielter, professioneller und persönlicher. Der Schock hat wie ein Weckruf gewirkt und die Wichtigkeit gewisser Dinge vor Augen geführt. Der Schock als Quelle der Motivation und des Muts zur Veränderung – wie es die populär gewordene Redensart ausdrückt: „Was mich nicht umhaut, macht mich stark.“ Allerdings sei die Frage erlaubt, ob es tatsächlich eines traumatischen Erlebnisses bedarf, um auf sich selber Acht zu geben!

 

Autorin: Sabrina Alberti, Psychologin FSP, zertifizierte Notfallpsychologin des FSP/NNPN, Physiotherapeutin und Erwachsenenbildnerin SVEB.
 www.psychocorporel.net,  www.canopee-bridge.ch

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