Notfallpsychologie wendet Not
Fazit der Experten an der CareLink-Fachtagung
Im Sommer 2004 erschoss ein Kadermitarbeiter der Zürcher Kantonalbank (ZKB) zwei Direktionsmitglieder und richtete sich danach selbst. Das tragische Ereignis konfrontierte darauf viele Unternehmen mit der Frage, wie sie ihrerseits Betroffene nach einem Unglück betreuen würden. An der CareLink-Fachtagung betonten Fachleute die buchstäbliche Notwendigkeit notfallpsychologischer Interventionen.
René Hoppeler leitet bei der ZKB den gesamten Bereich Personal. An der CareLink-Fachtagung blickte er auf jenen Montag im Juli 2004 zurück, als drei Mitarbeitende gewaltsam ums Leben kamen: „Nach dem Attentat funktionierte ich wie mechanisch. Was wirklich passiert war, konnte ich erst abends realisieren, als ich etwas Raum zum Nachdenken hatte.“ Er sei froh gewesen um die professionellen Dienste von CareLink, gestand er ohne Umschweife. Die ZKB hatte dafür schon früher eine Leistungsvereinbarung abgeschlossen. CareLink betreute die Betroffenen, von denen einige das Attentat direkt miterlebt hatten. Notfallpsychologen und Caregivers schützten sie aber auch „vor einer Masse von Fragen, Anschuldigungen und Mutmassungen“, wie es René Hoppeler formulierte. Als Konsequenz aus dem Attentat verfeinerte die ZKB ihr Notfallkonzept und etablierte psychologische Präventionsmassnahmen: Heute zum Beispiel können ZKB-Mitarbeitende psychologischen Rat einholen, falls sie im beruflichen Leben der Schuh drückt.
Das Gefühl, in guten Händen zu sein
Der Vorfall bei der ZKB sei für ihn wie ein Weckruf gewesen, berichtete Markus Braunwalder. Er ist bei Raiffeisen Schweiz für die Sicherheit und das Facility Management verantwortlich. „Wären wir gerüstet, um den praktischen und psychologischen Bedürfnissen von betroffenen Menschen gerecht zu werden?“, fragte er sich damals – und musste die Frage unumwunden mit Nein beantworten. In der Folge wurde Raiffeisen Schweiz ebenfalls CareLink-Kunde. „Wir gewannen schnell das Gefühl, in guten Händen zu sein, und integrierten die Organisation in unseren Krisenstab. Damit haben wir nicht einfach unser Gewissen beruhigt, sondern wir wissen, mittlerweile auch aus der Praxis, dass wir die Betroffenen dank CareLink adäquat betreuen können.“ Persönlich liess sich Markus Braunwalder von CareLink zum Caregiver und anschliessend zum Teamleader ausbilden. „Was ich dabei gelernt habe, kommt auch wieder unserer Bank zugute. Ich nehme mir zum Beispiel Zeit für ein helfendes Gespräch, auch wenn auf meinem Pult viel Arbeit auf Erledigung wartet.“
Das Bedürfnis nach Stabilität
Richi Frei, bei CareLink Leiter Einsatzmanagement, sieht das Bild noch immer vor sich, das sich ihm 2004 in der ZKB am Tessinerplatz in Zürich bot: Die Personen, die im dortigen Bürogebäude arbeiteten, hatten sich unmittelbar nach dem Attentat in einem Saal versammelt. „Das bleibt als Eindruck.“ Was Betroffene ganz allgemein bräuchten, erklärte Richi Frei an der CareLink-Fachtagung, seien vor allem Strukturen und auch Ruhe. Das menschliche Bedürfnis nach Stabilität stellte Medienmann Christoph Müller auf etlichen seiner beruflichen Reisen ebenfalls fest. Früher war er als Korrespondent für das Schweizer Fernsehen in Krisen- und Kriegsgebieten unterwegs, heute leitet er den Bereich Dokumentarfilme und Reportagen. Christoph Müller erinnert sich an eine Szene in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny während des Kriegs: „Kaum schwiegen die Waffen, kamen die Frauen aus ihren Häusern und stellten die Marktstände auf. Die Bevölkerung sehnte sich nach einer Art Normalität.“ Er selber, so Christoph Müller, sei offenbar in der Lage, berührende Bilder und schreckliche Erlebnisse zur Seite zu schieben und sich emotional nicht davon vereinnahmen zu lassen.
Wenige, aber gezielte Interventionen
Wer nach einem gravierenden Erlebnis mehr, wer weniger Hilfe brauche, lasse sich mit wenigen Fragen herausfinden, erklärte darauf Dr. phil. Johanna Hersberger, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP und zertifizierte Notfallpsychologin FSP. Sie führte das Beispiel einer Frau an, die als Verkäuferin an der Kasse arbeitete, als der Laden überfallen wurde: „Allein schon die Erklärung, dass ihre Reaktionen auf das Erlebte normal seien, das Ereignis selber hingegen als abnormal einzustufen sei, entlastete sie enorm. Irgendwann stieg Wut in der betroffenen Frau auf. ‚Ich lasse mir das Leben nicht durch die Tat eines Kriminellen beeinträchtigen‘, sagte sie und konnte dadurch ihre Angst vor einem neuerlichen derartigen Erlebnis überwinden.“ Wenige, aber gezielte Interventionen, die Sicherheit vermitteln, stabilisieren und Ressourcen anstossen, würden oft viel bringen, betonte Johanna Hersberger. Für Mitarbeitende, die ein Ereignis psychisch belastet, ist es nur schon tröstlich, dass sie der Arbeitgeber wichtig nimmt und ihnen Hilfe zukommen lässt.

