Negativer Stress ist nicht immer gleich
Spezifische Eigenschaften und Auswirkungen
Der Stress nach einem schwer wiegenden Ereignis oder nach einem emotionalen Schock ist nicht der gleiche wie der Arbeitsstress. Dieser entwickelt sich in der Regel über eine längere Zeitspanne – im Gegensatz zum Stress, der an ein gravierendes Ereignis geknüpft ist. Psychologin Sabrina Alberti erklärt.
Schwer wiegendes Ereignis, emotionaler Schock
Eigenschaften
Der Charakter eines emotionalen Schocks oder eines Ereignisses, das als gravierend einzustufen ist, ergibt sich im Allgemeinen aus dem Moment des Unvorhergesehenen und Überraschenden und aus der Nähe zum Tod: „Ich hätte sterben können“, denken sich Betroffene, „einige sind ums Leben gekommen.“ Der Tages- und Lebensverlauf ändert sich brutal, und das einschneidende Erlebnis wird zum Bruch, der alles in ein Davor und ein Danach teilt.
Auswirkungen
Wie sich ein Ereignis auswirkt, hängt nicht mit dessen Schwere oder mit dem Erlebten zusammen. Die betroffene Person beurteilt die Schwere subjektiv. Hingegen manifestiert sich die Auswirkung auf Körper, Geist und Verhalten. Sie ist die Summe von Reaktionen, dauert kürzer oder länger und nimmt für jeden Mensch wieder andere Formen an. Die Auswirkung ist für die betroffene Person und deren Umgebung weder vorhersehbar noch angenehm, geschweige denn immer erträglich. Die Reaktionen auf das, was sich ereignet hat – ein Autounfall, der Tod einer nahe stehenden Person, der Suizid eines Kollegen –, stellen sich schnell und massenhaft ein und dringen in das persönliche Wahrnehmungsfeld ein. Es sind diese Reaktionen, die dazu führen, dass die Leute etwa unmittelbar nach einem Schock unterschiedliche Erinnerungen haben: Die einen erinnern sich sehr präzis und erzählen davon, die anderen können sich überhaupt nicht an den Moment des Ereignisses oder an Einzelheiten erinnern – als ob das, was nicht passieren dürfte, auch nicht passiert wäre.
Stress bei der Arbeit
Eigenschaften
Die Charakteristik von Arbeitsstress beruht auf mehreren Faktoren. Was diese Stresssituationen jedoch gemeinsam haben, ist deren Dauer. Wenn eine Person ihren „Arbeitsstress“ ausdrückt, handelt es sich selten um ein punktuelles Ereignis. Der Stress erscheint als Konstante: „Meine Arbeit war immer belastend“, sagt die Person dann. Oder zur Abwechslung formuliert sie es so: „Seit die Arbeit stressiger geworden ist, …“ Zu Stress führen können auch geänderte Arbeitsbedingungen: Mobbing oder unternehmensinterne Umstrukturierungen, welche Entlassungen, neue Zuständigkeiten, Unklarheit oder einen Mangel an Kommunikation nach sich ziehen.
Auswirkungen
Arbeitsstress wirkt sich weniger schroff aus als ein Schock nach einem Autounfall, aber er ist manchmal sehr viel schädlicher – besonders auf Grund seiner Dauer und Wiederholung. Wenn die Symptome auftreten, leidet die Person bereits an den Folgen des Stress, und oft sind die Klagen Tatsache: Sie hat Mühe einzuschlafen, arbeitet nicht mehr so effizient und zieht sich sozial zurück. Auch das exakte Gegenteil gibt es: Auf der Suche nach Anerkennung und Befriedigung „organisiert sich“ die Person ein Übermass an ausserberuflichen Aktivitäten. Oder sie verhält sich riskant und gefährdet ihr eigenes Leben beim Autofahren, im Berg- und Extremsport, mit Alkoholkonsum und Absentismus. Am Arbeitsplatz ist sie einfach noch präsent, aber unfähig, etwas zu produzieren, zu arbeiten oder sich zu konzentrieren.
Mehr Informationen unter
www.stressnostress.ch.
Siehe auch die Artikel
"Positiver und negativer Stress" und
"Nützliche Tipps zum Stressabbau"
Autorin: Sabrina Alberti, Psychologin FSP, zertifizierte Notfallpsychologin des FSP/NNPN, Physiotherapeutin und Erwachsenenbildnerin SVEB.
www.psychocorporel.net,
www.canopee-bridge.ch

