Gesunde Helfer
oder: Wer hilft den Helfern?
Der Gesundheit der Helfer wurde lange Zeit wenig Beachtung geschenkt. Die Freiwillige Feuerwehr Jestetten hat unter dem Titel "Wer hilft uns Helfern?" im November diesem Thema bereits zum zweiten Mal eine Plattform geboten. Dr. Eberhard Bürger hat sich dabei Gedanken darüber gemacht, was einen gesunden Helfer ausmacht. Lesen Sie Auszüge aus seinem interessanten Referat.
"Die Notwendigkeit einer wirksamen, aktiven Gesundheitsförderung für Helfer ergibt sich nicht nur aus den besonderen gesundheitlichen Anforderungen an Helfer, sondern aus der eminenten Bedeutung, die die Gesundheit der Mitarbeiter letztlich für jede betriebliche Organisation hat. Schliesslich ist die Erkenntnis, dass Leistungsbereitschaft, Flexibilität und Innovationskraft massgeblich von der körperlichen Gesundheit und dem seelischen Wohlbefinden abhängen, nicht neu. Gesundheit und Wohlbefinden haben eminenten Einfluss auf die Leistung und das Kommunikationsverhalten von Mitarbeitern."
Dr. Bürger sieht den Schlüssel zum gesunden Helfer nicht in einer nachträglichen Behandlung, sondern in einem gesunden Geist und Körper. Gesundheit umfasst dabei in einem gesamtheitlichen Sinn nicht nur die Abwesenheit von Krankheit und Beschwerden, sondern auch körperliche Stärke, Energie und Fitness, das psychisch-geistige Wohlbefinden sowie die funktionale Leistungsfähigkeit und die Fähigkeit, Rollenverpflichtungen zu erfüllen. Wie bereits bei den alten Griechen:
"Die Gesundheit des Geistes galt als natürliche Voraussetzung für geistiges und spirituelles Leben. Die griechische Medizin verstand ihre Hauptaufgabe in der Lehre zu einer gesunden Lebensführung, nicht in der Therapeia, also in der Pflege bzw. in der Heilkunst. In der Handlung eines Arztes verstanden sie die Tätigkeit eines Steuermanns, der das menschliche Schiff durch die Gewässer des Lebens mit behutsamer Hand steuert. Der Arzt stellte direkt Lebensregeln auf, wie ein gesundes Leben zu führen sei. Und nur dann, wenn Regeln nicht befolgt wurden, musste der Arzt mit seiner Heilkunst Krankheiten heilen, Krankheiten behandeln."
Dr. Bürger führt in diesem Zusammenhang den Begriff der "Salutogenese" ein. Er stammt vom amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen Aaron Antonowski, der die Orientierung der Ärzte am biomedizinischen Modell der Krankheit, der Pathogenese, heftig kritisiert:
"Stattdessen schlägt er eine Orientierung an der Gesundheit der Menschen vor und formulierte das Modell der Salutogenese. Darin sind die Begriffe ‚Gesundheit‘ von lateinisch salus und ‚Entstehungsgeschichte‘ vom griechischen Wort genesis enthalten. Damit wird ein Paradigmenwechsel in der Medizin eingeleitet weiter hin zur Ganzheitlichkeit. Denn Krankheit ist keineswegs eine Ausnahmeerscheinung und Gesundheit keinesfalls der Normalzustand. Krankheit und Tod sind grundlegende Phänomene unseres menschlichen Lebens; nicht das Gleichgewicht bestimmt das Grundprinzip des Lebens, sondern das Ungleichgewicht. Deshalb sollte sich das Interesse darauf richten, wie wir körperliche und seelische Gesundheit erhalten und bei Störung wieder herstellen können. Bei der Salutogenese geht es deshalb um die Einbeziehung der gesamten Lebensgeschichte, einschliesslich Krankheit und gesundheitlicher Schutzfaktoren. Die grundlegende Frage lautet deshalb: Welche Faktoren helfen uns, die Gesundheit aufrecht zu erhalten oder zu verbessern? Diese gesundheitsfördernden Einflüsse werden auch Bewältigungsressourcen genannte. Stressoren, also belastende Einflüsse, werden nicht mehr als nur etwas Negatives verstanden. Primär sind sie zum Leben dazugehörig und allgegenwärtig anerkannt. Stressoren können durchaus auch positiv sein. Das Interesse der Forscher liegt nicht nur auf den Erkrankungen, sondern vielmehr darauf, wie Menschen trotz belastender Einflüsse gesund bleiben. Kranke Menschen werden dabei nicht nur als Symptomträger angesehen, sondern in ihrer Ganzheitlichkeit mit ihren Schwächen und ganz besonders mit ihren Stärken betrachtet."
Ein weiterer zentraler Begriff ist für Dr. Bürger jener der Balance, einer Balance zwischen Kopf und Bauch, die bei Helferberufen notwendig sei. Sie setze emotionale Kompetenz und Einfühlungsvermögen voraus. Balance bedeute dabei, das Aussen mit sich selbst in Gleichklang zu bringen. Zentral ist für Dr. Bürger dabei die korrekte Selbstwahrnehmung. Dazu gehöre aber auch, sich um sich selbst zu sorgen, das Leben zu geniessen, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu respektieren.
"Zu beachten ist auch, dass die Erkrankung eines Helfers beispielsweise nicht einfach Folge einer hohen Belastungsexposition ist. Sie ist vielmehr die Folge einer missglückten Balance zwischen potenziell krank machenden Faktoren, wie z.B. Nachtschicht, Schichtdienst, dauernden Ermittlungen mit Todesfällen oder stark belastenden Einsätzen und potenziell gesundheitsstärkenden, also salutogenetischen Ressourcen. Deshalb ist es notwendig, neben den krankheitsauslösenden Risikofaktoren die gesundheitsfördernden Faktoren mit ihrem Ursachengefüge besser herauszuarbeiten und stärkende gesundheitsfördernde Potenziale zu finden und zu fördern."
Neben einer gesunden Lebensweise mit genügend Bewegung, ausreichend Erholung und gesunder Ernährung gehört für Dr. Bürger auch Lob und Anerkennung dazu sowie eine gute innerbetriebliche Kooperation und Kommunikation.
Autor
Dr. Eberhard Bürger ist leitender Medizinaldirektor und leitender Polizeiarzt des Bundeslandes Baden-Württemberg. Bereits seit mehr als vierzig Jahren ist er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Dr. Bürger war von 1976-2000 Landesfeuerwehrarzt und zudem von1977-1982 leitender Notarzt der Universität Tübingen. Er ist Mitglied des Deutschen Roten Kreuzes DRK und seit 1978 auch Referent und Prüfungsexperte an der Landessanitätsschule des DRK Baden-Württemberg.

