Gemeinsames Verständnis für die psychologische Nothilfe
von Dr. Urs Braun
Im Bereich der psychologischen Nothilfe herrscht zurzeit in der Schweiz noch weitgehend Wildwuchs. Dem soll jetzt ein Ende bereitet werden. Das Nationale Netzwerk Psychologische Nothilfe (NNPN) hat dazu die Ausbildungsstandards und Einsatzrichtlinien vereinheitlicht. Der Bund und die Kantone sind nun gefordert, sie umzusetzen und damit in Zukunft ein gemeinsames Verständnis und einen gemeinsamen Qualitätsstandard bei der psychologischen Nothilfe sicherzustellen.
Unter dem Begriff "psychologische Nothilfe" werden alle Massnahmen verstanden, welche die psychische Gesundheit von Betroffenen und Einsatzkräften während oder nach einem Ereignis erhalten oder wieder herstellen. Betroffene Personen – Opfer, Angehörige, Freunde, Arbeitskolleginnen usw. – werden dabei durch ausgebildete Mitglieder von Careteams (Caregivers), Einsatzkräfte durch ausgebildete Mitglieder der jeweiligen Organisation (Peers) bedarfsgerecht betreut. Ist weitergehende individuelle Hilfe notwendig, wird diese ausschliesslich durch Fachpersonen mit notfallpsychologischer Zusatzqualifikation durchgeführt. Bei den Massnahmen der psychologischen Nothilfe wird zwischen Einsätzen vor, während und nach einem Ereignis unterschieden.
Primärprävention
Vor einem Ereignis stehen vorbeugende Massnahmen wie Sensibilisierung, Ausbildung, Stressmanagement oder Mittel- und Einsatzplanung im Vordergrund.
Sekundärprävention
Während des Ereignisses werden die Betroffenen durch Caregivers betreut, während die Einsatzkräfte selbst durch Peers begleitet werden. Nach dem Einsatz führen die Peers auf freiwilliger Basis strukturierte Gruppengespräche durch. Für die Caregivers und die Peers stehen auch immer Fachpersonen mit notfallpsychologischer Zusatzausbildung bereit, die bei schwierigen Situationen beigezogen werden können.
Tertiärprävention
Falls notwendig, versuchen die Fachkräfte bei Betroffenen oder Angehörigen der Einsatzkräfte mögliche Folgeschäden mit notfallpsychologischen Massnahmen zu verhindern. Gegebenenfalls werden weitergehende psychotherapeutische Massnahmen empfohlen oder eingeleitet.
Einsatzrichtlinien
Bis heute sind Ausbildungsstandards und Einsatzrichtlinien der psychologischen Nothilfe je nach Kanton sehr unterschiedlich. Das soll sich in Zukunft ändern. Mit der Vereinheitlichung der Standards und Richtlinien wurde das Nationale Netzwerk Psychologische Nothilfe (NNPN) betraut, eine ständige Fachgruppe des Bundes für die psychologische Nothilfe. Ihr Ziel ist es, bei allen beteiligten Partnern ein gemeinsames Verständnis über den Einsatz zu erreichen. Dazu zählt, die Begriffe an die Sprache der Einsatzkräfte anzupassen, eine einheitliche Sprachregelung aufzubauen, die Zusammenarbeit der Partner mit praktischen Einsätzen zu fördern und durch die Auswertung aktueller Einsätze und Erkenntnisse die fachliche Qualität zu sichern.
Ausbildungsstandards
Bei den Ausbildungsstandards für Peers, Caregivers, Fachpersonen mit notfallpsychologischer Zusatzqualifikation sowie für die Koordinatoren der psychologischen Nothilfe umschreibt das NNPN die folgende Punkte präzise: Zielsetzungen, Zielpublikum, Voraussetzungen, Ausbildungsziele, methodisch-didaktisches Vorgehen, Lehrmittel, Ausbildungsdauer, Prüfung, Ausweis und Anforderungen an den Ausbildungsanbieter. Das NNPN wird in den nächsten Monaten zudem eine Zertifzierungsstelle aufbauen, bei der sich Ausbildungsinstitutionen, Einsatzorganisationen sowie ausgebildete Caregivers, Peers und Notfallpsychologen zertifizieren lassen können.
Damit soll die Grundlage geschaffen werden, damit künftig im Bereich der psychologischen Nothilfe in der ganzen Schweiz die qualifizierten Angebote der psychologischen Nothilfe erkannt werden können. All diese Bestrebungen bilden die Grundlage für ein sorgfältiges und ethisch anspruchsvolles Einsatzverhalten. Trotzdem ist grosse Verantwortung gegenüber den Betroffenen, aber auch gegenüber sich selbst bei jedem Einsatz gefordert. Jeder Einsatz muss deshalb auch selbstkritisch hinterfragt werden.
Weitere Informationen zur psychologischen Nothilfe finden Sie unter
www.nnpn.ch
Autor
Dr. phil. Urs Braun ist Fachpsychologe für Psychotherapie FSP und zertifiziert in Notfallpsychologie FSP. Nach seinem Studium in Zürich und Bern war er vier Jahre Assistent am Lehrstuhl für Klinische Psychologie bei Professor Klaus Grawe in Bern. Darauf folgten sieben Jahre als Psychotherapeut und Leiter Qualitätsmanagement am Psychiatriezentrum Oberwallis. Seit Sommer 2002 ist Urs Braun Leiter Qualitätsmanagement an der Psychiatrischen Klinik Oberwil, der Konkordatsklinik der Kantone Zug, Schwyz und Uri. Urs Braun ist Mitglied der Kommission Fortbildung Notfallpsychologie der FSP und Mitglied im Nationalen Netzwerk Psychologische Nothilfe (NNPN).

