Erlebtes im Gespräch verarbeiten
Damit der Einsatz nicht belastend nachwirkt
Barbara Fehlbaum verantwortet bei CareLink die psychologische Fachunterstützung. Nach einem Einsatz führt sie mit den Freiwilligen, die involviert waren, je ein individuelles Einzelgespräch. Davon profitieren alle – auch CareLink als Organisation.
Frau Fehlbaum, Sie sind Psychologin und gehören zusammen mit Ihrer Berufskollegin Regula Lanz zum CareLink-Kernteam in Kloten. Können Sie Ihre Tätigkeiten kurz zusammenfassen?
Barbara Fehlbaum: Einerseits mache ich im Aus- und Weiterbildungsteam mit, das unsere Caregivers auf zukünftige Einsätze vorbereitet. Andererseits pflege ich den Kontakt zu den Verbänden, die Notfallpsychologen ausbilden, und ich bilde die Notfallpsychologen weiter, die zum Freiwilligenteam von CareLink gehören. Ein weiterer wichtiger Teil meiner Arbeit besteht darin, nach dem Einsatz von Caregivers, Teamleaders und Notfallpsychologen Gespräche mit ihnen zu führen. Und natürlich bin ich bei einem Ereignis häufig auch selbst im Einsatz.
Die Gespräche nach einem Einsatz: Wie laufen sie ab? Was können sie bewirken?
Barbara Fehlbaum: Ein Einsatz kann für die Helferin oder den Helfer selbst zur Belastung werden. Deshalb nehme ich nach jedem Einsatz Kontakt auf mit allen Freiwilligen, die involviert waren. Ich rufe jede einzelne Person an, oder ich treffe sie zu einem Gespräch.
Die Notfallpsychologie ist ein relativ neues Fachgebiet. In den Anfängen der notfallpsychologischen Betreuung von Einsatzkräften stand das Debriefing im Vordergrund, um Belastungsreaktionen zu verhindern oder zu minimieren. Ein eher allgemein gehaltenes Debriefing kann jedoch die psychische Verfassung eines Caregivers nur bedingt auffangen. Darum haben wir bei CareLink nie Debriefings durchgeführt, sondern von Beginn weg auf Einzelgespräche gesetzt. Sie sind weitaus wirksamer.
In diesen Gesprächen geht es darum, den Einsatz noch einmal aus etwas Distanz anzuschauen. Dabei ist es wichtig, herauszukristallisieren, ob im persönlichen Bereich noch irgendwelche Fragen, Bedenken oder belastende, vielleicht sogar negative Gefühle vorhanden sind. Im Einsatznachgespräch lassen sich diese in der Regel klären oder ausräumen. Es geht aber auch darum, wie wir bei CareLink unsere eigenen Strukturen noch weiter verbessern können, wo z.B. Schnittstellen noch nicht optimal funktionieren, wo es Engpässe im Informationsfluss gibt usw. Dieser Austausch gibt mir nicht zuletzt auch die Möglichkeit, mit dem Team in engem Kontakt zu bleiben, was für zukünftige Einsätze nicht ganz unwichtig ist.
Im Ernstfall werden verschiedene Personen in verschiedenen Funktionen eingesetzt. Inwiefern unterscheiden sich die Einsatznachgespräche z.B. mit einem Caregiver und einer Notfallpsychologin?
Barbara Fehlbaum: Grundsätzlich besteht kein Unterschied zwischen einem Einsatznachgespräch mit einem Caregiver und einem Notfallpsychologen – ausser dass eine psychologisch ausgebildete Person eventuell etwas mehr Fachfragen vorbringt. Freiwillige, die vielleicht das erste oder zweite Mal im Einsatz gewesen sind, beschreiben ihre Interventionen und Aktionen sehr detailliert, und ich gebe ihnen eine entsprechend differenzierte Rückmeldung. Es besteht also eher ein Unterschied, ob eine Person seit Jahren schon Einsätze leistet und ich sie in ihrer Arbeit sehr gut kenne, oder ob ein Mitglied noch eher neu im Freiwilligenkorps mitwirkt.
Manchmal laden Sie auch ein ganzes Team zu einem gemeinsamen Einsatznachgespräch ein.
Barbara Fehlbaum: Teamanlässe ersetzen die persönlichen, individuellen Einzelgespräche nicht. Bei Teambesprechungen steht eher der gesamte Ablauf eines Einsatzes im Mittelpunkt. Es ist oft auch die erste Möglichkeit der Teammitglieder, sich untereinander auszutauschen und zu erfahren, was die anderen erlebt haben. Je nach Einsatz arbeiten die involvierten Personen an völlig unterschiedlichen Orten. In diesem Fall ist es für sie und für mich wichtig, ein Gesamtbild des Einsatzes zu erhalten.
In den vergangenen Jahren haben Sie sehr viele Einsatznachgespräche geführt. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben oder aufgefallen? Was hat Sie besonders beeindruckt?
Barbara Fehlbaum: Mich beeindruckt immer wieder, wie professionell die Freiwilligen die Arbeit im Einsatz aufnehmen. Fast alle haben im ersten Moment, wenn der Alarm ausgelöst wird, Herzklopfen oder hegen insgeheim vielleicht Zweifel, ob sie die Herausforderung bewältigen können. Und immer wieder stelle ich anerkennend fest, dass sich die Freiwilligen diesen oft schwierigen Situationen extrem bewusst und überlegt stellen.
Sie wirken seit der Gründung vor zehn Jahren bei CareLink mit. Gab es in dieser Zeit besonders einschneidende Erlebnisse?
Barbara Fehlbaum: Ja, die gab es schon. Die beiden Einsätze, an die ich mich wohl mein Leben lang erinnern werde, waren für mich nach dem Tod eines Säuglings und die Überführung von Waisenkindern aus Haiti in die Schweiz nach dem Erdbeben vor etwas mehr als einem Jahr. Auch ich muss nach solchen Einsätzen darüber sprechen, und das tut gut.
zurück

